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Lehrer
und Schüler
von
Lama Ole Nydahl
Viele starke, reife
Leute denken: „Wozu brauche ich einen Lehrer? Alle Wahrheit liegt
ja doch in mir selbst." Glücklicherweise ist Wachstum auch ohne einen
Lehrer möglich. Es fragt sich nur, wie schnell man vorankommen will.
Der Buddha hat
mehrere Wege gelehrt. Auf einigen kommt man über viele Lebenszeiten
durch 'Versuch und Irrtum' weiter. Man probiert die Möglichkeiten
des Lebens aus und entdeckt allmählich, was Glück und was Leid bringt.
Bei solchen Erfahrungen, die auf Gewohnheiten und Erinnerungen beruhen,
braucht man keinen Lehrer. Hier erfährt man einfach, dass gewisse
Taten, Worte und Gedanken von außen und innen durch ein gutes Gefühl
'belohnt' werden, während andere zu Schwierigkeiten und schlechten
Schwingungen führen.
Das geschieht
in der gleichen Weise wie in den Experimenten, wo ein kleiner Wurm,
den man durch ein Y-Rohr kriechen lässt, irgendwann erkennt, dass
er in dem linken Rohr immer elektrische Schläge und in dem rechten
etwas zu fressen bekommt. Auf dieser Ebene des Vermeidens von Leid
reichen ein paar einfache Belehrungen, wie der Buddha sie im Hinayana
gab.
Schneller geht
es aber, wenn ein überzeugender Lehrer sagt: "Diese Taten führen
zu jenen Ergebnissen". Dadurch sind seine Einsichten nachvollziehbar
und die Erfahrung wird 'runder'. In vielen Vorlesungen z.B. sagt
der Professor weniger als in seinem Buch steht, und auch das könnte
man selbst lesen. Dadurch aber, dass er es sagt, hat es mehr Kraft.
Auf dieser Ebene
braucht man jedoch nicht viele Belehrungen und derjenige, der sie
gibt, wird nicht besonders hervorgehoben. Das sieht man in den Theravada-Ländern
wie Thailand, Burma, Sri Lanka. Die Lehrer sind zwar Beispiele,
aber die beflügelnde und kraftübertragende Arbeit, die im Diamantweg
so wichtig ist, findet man kaum.
Wenn eine begabte
Lebensweise unsere Schwierigkeiten vermindert hat, entwickeln die
Leute von selbst ein 'Innenleben'. Es zeigt sich einerseits als
Mitgefühl, die Fähigkeit, das Streben anderer nach Glück mitzuerleben
und andererseits als die Weisheit, die Dinge überpersönlich zu sehen.
Es entsteht eine rationale Ebene. Man sieht, was wirklich da ist
und nicht mehr die eigenen Erwartungen und Abneigungen. Auf dieser
zweiten Ebene kann man auch mit Büchern weiterkommen, denn es geht
um gesunde Vernunft. Von der Ebene der Vorstellungen sickern allmählich
Eindrücke in das Bewusstsein, und man verändert sich. Wenn wir klar
beobachten, was überall geschieht, entstehen Mitgefühl und Weisheit
von selbst. Dies geschieht aber schneller und direkter, wenn jemand
seine Erfahrungen mit uns teilt. Auf dieser Mahayana-Ebene, dem
'Großen Weg', ist der Lehrer wichtig, aber nicht unersetzbar. Er
ist vor allem unser guter Freund auf dem Weg, eine wichtige Inspiration.
_____________________________________________[nach
oben]
Wenn alle Lehren
Buddhas plötzlich verschwänden, und man fände in 500 Jahren die
alten Bücher und würde sie auch verstehen, dann gäbe es die Hinayana-
und Mahayana-Ebene sofort wieder. Es ginge nichts verloren.
Dies wäre jedoch
nicht mit der dritten und höchsten Stufe der Belehrungen möglich.
Hier geht es um Phantasie und um die Umformung von Gefühlen, um
die Übernahme ganzer Erfahrungsbereiche. Wenn wir schnell die ganzen
Reichtümer, Kräfte und Fähigkeiten erschließen wollen, die in uns
liegen, brauchen wir unbedingt einen Lehrer. Wer wünscht, in sagen
wir 15 oder 20 Jahren alles entfernt zu haben, was uns Alter, Krankheit
oder Tod als große Schwierigkeiten erleben lässt, muss diesen direkten
Bezug haben.
Wer persönliche
Begrenzungen so weit hinter sich lassen will, dass er vollständig
für andere arbeiten kann, kommt daran nicht vorbei. Man braucht
einfach jemanden, der den Geist kennt, um ihn selbst erfahren zu
können. Hannahs und mein erster Lehrer Lopön Tsechu Rinpoche sagte
einmal: ,,Auch Buddha hatte Lamas." Es dauerte eine Weile bis ich
verstand: 'Erleuchtung ist das Ergebnis von Wachstum über Lebenszeiten'.
Wenn die Erfahrung durch die Kraft eines Lehrers auf eine überpersönliche
Ebene der Einsicht gebracht wird, wird sie selbstbefreiend, und
alles zeigt die grenzenlosen Möglichkeiten des Raumes. Das ist der
Weg der Einsicht, der Mahamudra heißt.
Auch für den
Weg der Mittel braucht man einen Lehrer. Er gibt uns die Kraft,
uns in einem Reinen Land als Formen von Licht und Energie erleben
zu können. Die Grundlage dafür ist die dreifache Übertragung des
Diamantweges. Sie besteht aus der Einweihung, dem Wang, wobei die
Kraftfelder der Buddhas übertragen werden.
Dann folgt die
Erlaubnis, der Lung, bei dem die Erfahrung eines Textes durch Hören
ins Bewusstsein gebracht wird. Schließlich bekommt man dann die Belehrungen,
Tri. Sie erschließen uns alle in den Texten enthaltenen Möglichkeiten,
so dass wir sie umfassend nützen können. Je schneller der Weg zum
Ziel führt, desto wichtiger wird der Lehrer. Vor allem im Diamantweg
gibt es Beschreibungen über die Eigenschaften eines Lehrers.
Zuerst braucht
er Mitgefühl. Er muss bereit sein, in den Lebensstrom der Leute einzugreifen
und ihnen zu helfen, sowohl kurz- als auch langfristig. Untrennbar
davon muss er Weisheit besitzen. Er muss wissen, womit er arbeitet
und soll selbst durch Erfahrung gereift sein.
_____________________________________________[nach
oben]
Die wichtigste
Eigenschaft eines Lehrer jedoch ist, die Dinge überpersönlich sehen
zu können. Er muss wirklich die Leerheit verstanden haben und darf
nichts mehr eng und ichbezogen erleben. Er muss also ein ständiges
Gefühl von der Natur des Geistes haben und unerschütterlich in Körper,
Rede und Geist geworden sein. Der Geist muss stark bleiben, die Rede
überzeugend und der Körper darf nicht aufhören, Mut und Freude auszustrahlen.
Am Anfang sehen
die meisten den Lehrer sehr persönlich. Dies ermöglicht große Offenheit
und schafft eine starke Verbindung. Es ist aber keine gute Basis
für die Entwicklung auf Dauer. Bald werden die störenden Gefühle
auch die Reinheit dieser Wahrnehmung färben und statt des ,,Flash"
der Begegnung setzen sich Erwartungen und Gewohnheitsgedanken durch.
Die traditionellen Tibeter sagen etwas extrem: 'Man hält alle Bände,
wenn man nur kurz mit dem Lama zusammen ist und bricht sie alle,
wenn man länger bei ihm verweilt'. Diese Aussage steht jedoch im
Gegensatz zu meiner Erfahrung mit meinen Schülern. Wir Kagyüs machen
es uns übrigens leichter. Wir lernen, jeden Lama als Ausdruck Karmapas
zu sehen. So wird es weniger bedeutend, ob er dünn, dick, anziehend
oder weniger spannend ist.
Wichtig ist,
dass alle Lehrer unterschiedliche Seiten Karmapas ausdrücken. Sehen
wir ihn als den ganzen Regenbogen, sind andere Lehrer dessen verschiedene
Farben. Man erfährt durch einen Karmapas Weisheit, durch einen anderen
seine Freude, seine Furchtlosigkeit, sein Mitgefühl oder andere
vollkommene Eigenschaften. So kann man bei jedem lernen. Mit dem
man am ehesten das findet, was einen berührt, knüpft man dann ein
besonderes Band, wählt denjenigen als seinen Wurzellama. Dieser
ist der wichtigste Lehrer. Er soll uns Vertrauen geben in unsere
Buddhanatur, in die Raum-Klarheit-Unbegrenztheit unseres Geistes.
Hält dieser
Lehrer seine Übertragung, ist er wiederum seinen Lehrer treu, wird
seine Arbeit sehr tief. Was er vermittelt, wird sauber sein, wie
das Wasser aus dem besten Brunnen und wird allen nutzen. Populär
kann ein Lehrer ja schnell werden. Er muss nur das sagen, was die
Leute hören wollen. Aber für die, die das Ego nicht nur putzen,
sondern abschaffen wollen, für die muss der Lehrer den Strom eines
echten Segens übermitteln. Vertritt er eine erleuchtete Übertragungslinie,
wird alles blühen, was er berührt. Er wird tief sein wie das Meer
und hoch wie der höchste Berg. Breit und mit starken Wurzeln wird
er die Essenz vermitteln von dem, was uns Buddha vor 2500 Jahren
gab und was von Karmapa noch verstärkt wurde.
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oben]
Was Karmapa
selbst angeht, sollten wir wissen, dass er ein Buddha ist. Wir können
ihm voll vertrauen, dass er uns auf dem Weg von Verwirrung in die
endgültige Erleuchtung führt. Bei anderen Lehrern sollten wir uns
eher auf die Fähigkeit als auf die Schwächen konzentrieren. Unsere
Sicht ist anfangs begrenzt und Erwartung und Widerwillen färben
die Erlebnisse. Die Wesen haben sowieso alle die Buddhanatur, Samsara
ist Nirwana. Aber wenn jemand sowohl Gutes als auch Schlechtes besitzt,
was möchten wir dann lieber mit ihm teilen?
Wie wirkt nun
die Übertragung auf die Schüler? Durch ihre Offenheit übernehmen
sie mehr und mehr die verschiedenen Eigenschaften des Lehrers. Nach
einiger Zeit spüren andere dann dieselbe Kraft und Sicherheit bei
ihnen. Sie verlassen sich darauf und kommen gleichfalls in das Kraftfeld
der Linie hinein. Neben Vertrauen ist auch „begabte" Ehrlichkeit
gefragt. Man soll nicht wegen jeder Kleinigkeit den Stil verlieren.
Erlebt man aber über längere Zeit mehr Reinigung als Segen, ist
es gut, mit dem Lehrer darüber zu sprechen. Schüler, die sich nicht
mitteilen, sind schwierig. Wir wollen keinen Glauben oder einen
Friede-Freude-Eierkuchen-Buddhismus. Zweifel sollen beantwortet
werden, damit später keine Hindernisse auf dem Weg auftauchen.
Es ist wichtig,
dass man den Lehrer auf der höchsten, reinsten Ebene sieht. Nicht
als Person, sondern als untrennbar von seiner Linie und Übertragung.
Dies ist um der Schüler willen und nicht zum Besten der Lehrer.
Sie bekommen dadurch nur mehr Arbeit. Denkt man, der Buddha ist
ein gewöhnlicher Mann, bekommt man den Segen eines gewöhnlichen
Mannes. Denkt man, ein allgemeiner Lehrer sei ein Buddha, bekommt
man den Segen eines Buddhas. Der Lehrer ist ein Spiegel unseres
Geistes und bringt uns mit der eigenen Buddhanatur in Verbindung.
Sehen wir ihn als weise, werden wir von ihm Vorteil haben. Ansonsten
verschwenden wir unsere Zeit.
Nützlich ist
ein Lehrer in dem Maße, in dem er die Leute auf ihre eigene Schönheit
aufmerksam macht. Kann er sie erwecken und werden sie dabei nicht
von ihm abhängig, ist er sehr gut. Er darf natürlich nicht sagen:
„Ich bin die Quelle deines Glücks und jetzt kaufe mir bitte einige
RolIs Royce." Sondern er soll sagen: „Aller Reichtum, den Du jetzt
erlebst, ist dein eigener. Wenn Du ihn nicht in Dir hättest, wie
solltest Du ihn erfahren können? Jetzt bringe ihn in die Welt und
zeige, was Du gelernt hast." Wenn die Schüler dann zurückkommen,
untersucht man, wie alles abgelaufen ist und zeigt ihnen wie es
weitergeht. So bekommt man die tiefste Verbindung, die es gibt,
nämlich gemeinsames Wachstum. Bei jeder Begegnung ist man ein Stück
mehr erwachsen geworden, hat etwas dazu gelernt. Die Tüchtigkeit
des Lehrers zeigt sich in der Selbständigkeit der Schüler. Seine
Kraft sieht man in ihrer Fähigkeit, stark zu sein.
Aus: Kagyü Life Nr. 7, 3. Jahrgang (Dezember 1991)
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oben]
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