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Die
Mahamudra-Sichtweise: Das Kostbarste, das wir haben
von Lama Ole
Nydahl
Wenige können über
längere Zeiträume hinweg sinnvoll meditieren und in der bedingten
Welt gefangen zu sein, bringt es auch nicht. Am besten ist, die Lehre
Buddhas mit dem Leben zu verbinden, und wir Kagyüs haben eine sehr
gute Möglichkeit dazu. Durch unser nahes Band zum Lama und den umfassenden
Belehrungen des Mahamudra, können wir uns in jedem Augenblick und
jeder Lebenslage weiterentwickeln. Dabei geht es weniger um tägliche
und stundenlange Übungen, als um unseren Königsweg. Hier benimmt man
sich in allem wie der Buddha, bis man wie er geworden ist.
Diese Sichtweise
in den Alltag einzubinden, ist nicht schwierig, und sie als Buddhist
nicht zu nutzen, wäre einfach dumm. Zusätzlich zu den täglichen
Karmapa-Meditationen kann man mal den Lama im Herzen halten, mal
Licht zu allen Wesen hinausstrahlen und gleichzeitig den Geist von
der Ebene des Mahamudra aus beobachten. Wenn man zum Beispiel noch
dazu einmal die Woche einen Teil der Mahamudra-Belehrungen Tilopas,
des dritten Karmapas Rangjung Dorje oder des neunten Karmapas Wangchuk
Dorje liest, ist dies eine erstklassige Grundlage für ein bewußteres,
sich ständig weiter befreiendes Leben.
Unsere Gruppen
wachsen als Mahamudra-Gemeinschaften über ihre geteilten Erfahrungen
und zeichnen sich durch diese Geisteseinstellung aus. Sie ist das
Kostbarste, was wir haben, denn unsere Einschätzung der Welt entscheidet,
ob wir arm oder reich sind. Ohne die Mahamudra-Einstellung werden
wir oft nur älter anstatt klüger.
Fallt deshalb
niemals auf die Ebene des allgemeinen Normalverbrauchers herunter
und laßt Euch nicht von den oberflächlichen und vergänglichen Trips
der Leute einfangen. Steht zu Eurer Einsicht, zu dem Wissen und
dem Segen, den jeder von Euch trägt. Wer von Euch hat nicht schon
gehört, daß der Geist »leer, klar und unbegrenzt« ist? Lebt das
und ruht in der Erfahrung, daß unser Wesen unzerstörbar, reich und
wertvoll ist. Diese Mahamudra-Sicht wird Euch zeitlosen Sinn und
Freude bescheren.
Verliert nicht
den Mut, wenn ihr einige Zeit keine Erfahrungen habt; auf unterbewußter
Ebene geschieht immer etwas. Denkt nicht deswegen, daß ihr nicht
meditieren könnt und sucht nicht Ersatz bei halbgeistigen, abergläubischen
Sachen. Das wäre wenig sinnvoll. In irgendwelchen Exotenzirkeln
Pyramiden oder Horoskope zu besprechen, führt nur zu weiterer Verwirrung.
Auch wenn viele von Euch hier in Schwarzenberg beruflich mit schönen
Sinneseindrücken arbeiten: Nur das Bewußtsein, daß das alles erlebt,
bleibt. Natürlich ist es wichtig, das Leben schöner und besser zu
gestalten und die Leute auf die Möglichkeiten ihrer Sinne aufmerksam
zu machen. Aber unangenehme Erlebnisse in angenehme umzuwandeln
kann kein dauerhaftes Ziel sein. Nur den Erleber selbst erkennen
erlöst uns. Deswegen ist Meditation so wichtig.
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oben]
Ich selbst habe wenig Gelegenheit für sitzende Vertiefung. Dafür
lasse ich meinen Geist an einer Stelle, während die Beine umherlaufen
dürfen. Das könnt Ihr auch! Nutzt Eure Zeit bestmöglichst, indem
ihr immer aus der mühelosen Sicht des Mahamudra heraus und mit dem
Lama im Herzen handelt. Laßt Eure Schwierigkeiten auf einem inneren
Ölfilm von Mantras davongleiten und schickt Licht zu allen Wesen.
Zum Beispiel beim Autofahren: seht bewußt die Lichter, die Kraft
und Bewegung überall.
Natürlich ist
es wichtig, so oft wie möglich im Sitzen zu meditieren. Wenn aber
zuviel los ist, dann macht einfach das Bestmögliche daraus, indem
ihr mal mit dem Lama verschmelzt, mal einfach bewußt seid und mal
die Schwingung der Mantras in Euch haltet. Bei der Rückkehr zur
allgemeinen Arbeit darf das Gefühl eines sinnvollen Reinen Landes
nicht verlorengehen. Ihr lernt, es durch viele und kurze Meditationsphasen
den Tag über zu halten, bis der Zustand euer Leben geworden ist,
und ihr allen Wesen eine Zuflucht seid.
Wie erwähnt,
kann man sehr leicht träge werden. Der Mensch läßt gerne andere
die Sachen für sich erledigen. Deswegen müssen wir uns öfters wachschütteln
und uns erinnern, daß kein anderer für uns erleuchtet werden kann:
Daß wir nicht die Art von Buddhismus wollen, die den Mönchen und
Nonnen das Praktizieren überläßt, damit man selbst mit gutem Gewissen
weiterschlafen kann. Glücklicherweise haben wir alle paar Jahre
einen Skandal, der die Langweiler vertreibt und die Starken wachrüttelt.
Aber auch ohne falsche Karmapas und badengehende Rinpoches sollen
wir unseren Fähigkeiten ständig vertrauen.
Dabei ist es
nur eine Frage der Zeit, bis man durch bloße Meditation Freuden
erlebt, die nur mit denen einer Vereinigung vergleichbar sind. Kein
äußeres Mittel kann Glück entstehen lassen, wenn man es nicht schon
in sich hat. Durch Besitz oder die Sinne hervorgebrachte schöne
Zustände sind, wie mit einer langen wackeligen Stange etwas auf
Entfernung bewegen zu wollen. Es ist sehr ungenau, und man bekommt
oft unerwünschte Ergebnisse. Unmittelbar durch Meditation auf den
Geist einzuwirken, ist dagegen wie der Schaltknüppel eines Sportwagens.
Es ist viel wirksamer, als erst äußere Geschehnisse anzuleiten,
die glücksbringende Rückwirkung auf einen selbst ausüben sollen.
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oben]
Die bedingte
Welt ist wie eine Verschwörung, um uns von wirklichen Lebenswerten
fernzuhalten. Überall hören wir »Kauf das, und Du wirst glücklich!
Benutze diese Zahnpasta! Fahre dorthin und es wird Dir gut gehen...«
Schaut mal nach, wieviele Leute Euch ein Sofa oder einen Fernseher
andrehen wollen und wie wenige Meditationskissen oder Malas? Und
das, obwohl das einzige, was letztendlich glücklich werden kann,
der Geist ist. Er alleine erlebt alles.
Dieses Wissen
über die Natur des Geistes, daß jede Erfahrung wie ein Traum ist
und daß es nur den Erleber wirklich gibt, ist unser Geschenk an
die Welt. Es macht uns Buddhisten bedeutend. Wir sind die einzigen,
die für die zeitlosen und unzerstörbaren Werte jenseits vom Ego
stehen. Deswegen ist es so wichtig, daß wir nicht einrosten, oberflächlich
werden, sondern aus eigener Erfahrung heraus, einer beweglichen
Welt etwas ständig Frisches anbieten können.
Obwohl einige
sich über unsere unbekümmerte Art wundern: Man wird nicht weniger
erfolgreich in der Welt durch die entspannte Mahamudra-Sicht. Innere
Gelassenheit und ein weiter Überblick sind auch auf der Ebene von
Geld und Arbeit von Vorteil. Oft tragen die Leute etwas von A nach
B und dann wieder nach A zurück. Diese Wiederholungen fallen bei
wachsender Offenheit weg und je bewußter man arbeitet, umso mehr
Erfolg wird derselbe Einsatz hervorbringen. Gewöhnt Euch also auch
aus diesem Grund daran, mehr Zeit für die Meditation zu finden.
So wächst der Segen, und Euer Beispiel wird andere tief begeistern.
Ayang Tulku
sagte in den siebziger Jahren, daß eine Zeit vorrausgesagt sei,
wo der Lama die Schüler bitten müsse zu meditieren. Es wird als
ein Verfallszeichen gedeutet, wenn das eintritt. Bei uns im Westen
ist diese Stufe aber bei weitem nicht erreicht worden: Alles ist
frisch und lebendig, und wir müssen uns nur ab und zu daran erinnern,
daß die Quelle jeden Glücks der Geist selbst ist...
Aus: Kagyü
Life Nr. 15, 6. Jahrgang (Juli 1994)
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oben]
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