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Den
Geist kennenzulernen ist das einzige Ziel
Meditation in Alltag und Zurückziehung
Lama
Ole Nydahl
Einziger Sinn einer
jeden buddhistischen Übung ist es, den Geist frisch und mühelos zu
machen. Natürlich mit allem verbunden, ist er an sich einsichtig,
spielerisch und mitfühlend. Es gilt nur noch, den Geist mit Hilfe
von Buddhas Mitteln zu erkennen.
Dies geschieht
durch die drei Pfeiler seiner Lehre: hinreichend überprüfte Belehrungen;
die richtigen Mittel um das Verstandene und als richtig Anerkannte
zu verinnerlichen und schließlich die Gelübde, die das Erreichte
festigen.
Der mittlere
Pfeiler der Vertiefung oder Meditation kann im täglichen Leben oder
in der Zurückziehung gestärkt werden. Im Buddhismus geht es um Erfahrung
und nicht um Glauben. Da die angewandte Lehre einen einfach zu einem
besseren, glücklicheren Menschen macht und die Wünsche auch anderer
erfüllt, wird diesem mittleren Pfeiler so viel Bedeutung beigemessen.
Deshalb im Folgenden etwas zu Meditation im täglichen Leben sowie
in der Zurückziehung. Obwohl auch hier die gesunde Vernunft herrscht,
wollen viele es dennoch im voraus wissen.
Auf äußerer
Ebene sind die Unterschiede deutlich: Entweder man übt im Geben
und Nehmen des täglichen Lebens oder man zieht sich in eine eigene,
von äußeren Reizen abgegrenzte, Welt zurück.
Auch die Inhalte
und Zwischenziele sind verschieden. Der Zurückgezogene hat einen
Tag mit festen Zeitabläufen, in dem er bewusst Körper, Rede und Geist
mit den erwünschten Eigenschaften stärkt. Die so erreichten »Reinen
Länder« oder »formlosen« Einsichten in das Wesen aller Dinge, sind
jedoch auf künstlichen Boden gewachsen und leider später im Leben
oft nicht zu halten. Das beweisen hunderte Frauen und Männer auch
westliche, die in geschlechtlich getrennten Gruppen die dreijährige
Lama-Ausbildung im Schlaf sitzend, von der Umwelt völlig abgeschnitten
und enthaltsam durchlebt haben. Obwohl das so Gelernte für die Fortsetzung
aller Mittel einer Übertragungslinie unentbehrlich ist, scheinen
die Ausübenden eher die in die Zurückziehung gebrachten Charakterzüge
verstärkt als verbessert zu haben.
_____________________________________________[nach
oben]
Der im Alltag Meditierende verlässt weder Arbeit noch Freundeskreis
und reißt sich nicht aus seinen natürlichen Entwicklungsabläufen
heraus. Bei ihm geht es vor allem darum, die Reine Sicht des Diamantweges
anzuwenden und wachsen zu lassen, die einem der Lama vermittelt
hat. Wer sich und andere als Buddhas erfährt und die Welt als strahlend
vor Sinn, braucht nur tun was gerade vor der Nase liegt.
Am besten ist
ein Gemisch von beidem: Kein Versteckspiel den eigenen Schwierigkeiten
gegenüber zuzulassen und sich gleichzeitig der nötigen Vertiefung
und Reinigung auszusetzen, die einem erlaubt, in den freien Raum
hinter die Gewohnheiten zu stoßen. Das heißt: Kurze gezielte Zurückziehungen,
alleine oder in Begleitung, um schwerpunktmäßig erwünschte Eigenschaften
bei sich hervorzubringen oder störende Eindrücke zu entwurzeln,
die einem im Wege sind.
Im allgemeinen
Leben soll die dadurch erworbene Sicht gehalten und praktisch verwendet
und die so gewonnenen Erfahrungen dann wieder der Vertiefung zugeleitet
werden. Wenn äußere und innere Weisheit sich bereichern und ergänzen,
wird alles im Leben eine Lehre und zu einem Schritt auf dem Weg.
In der Zurückziehung
geht es also um das Einhalten der gewählten Zeiträume für die Übungen
und die richtige Anwendung der Mittel. Im täglichen Leben hingegen
ist die Hauptübung die ständige Stärkung der Reinen Sicht.
Ein sinnvoll
verbrachter Tag, nicht nur für dieses Leben, sondern auch für Tod
und künftige Wiedergeburten, könnte danach so aussehen:
Um mit etwas
Schönem anzufangen: Wer sich morgens gerne liebt, soll sich seiner
Einweihungen erinnern und sich und den Partner als männlich-weiblich
vereinigte Buddhas erleben. Auch auf dem formlosen Weg des Mahamudra
ist hier die Nicht-Trennung von Raum und Freude der Weg - das ständige
Hinausstrahlen von jenseits persönlicher Wonne in den Raum. Dann
und in kalten Ländern noch vor dem Aufstehen erkennt man seinen
Reichtum, wieder mit den befreienden Mitteln eines Buddhas einen
Tag leben zu können und nimmt Zuflucht.
_____________________________________________[nach
oben]
Alle sollten
diese zum Ziel, zum Weg und zu den Freunden auf dem Weg nehmen.
Wer schnell gehen will, nimmt sie zusätzlich zum Lama, mit dem man
dann am Ende je nach Wunsch verschmilzt. Sogar wer die 100.000 Verbeugungen
aus dem Ngöndro hinter sich hat, kann mit Vorteil noch jeden Morgen
einige machen. Eine bessere Kraftquelle für den Tag gibt es nicht!
Beim Aufstehen
und unter der Dusche kann man im Geist die ganzen Fähigkeiten seines
Körpers verschenken oder wer stark ist, sich den Buddhas als Schützer
aller Wesen anbieten. Während des Essens leitet man alle guten Eindrücke
weiter. Sehen wir unseren Körper als denjenigen unseres Lamas oder
Yidams, ist alles Gute, was wir ihm zufügen, sogar eine befreiende/erleuchtende
Tat.
Auf dem Weg
zur Arbeit gibt es jede Menge Energie wahrzunehmen. Die ganzen Bewegungen
der Autos und Busse sind an sich etwas Tolles, die Zielgerichtetheit
so vieler Menschen... und man leitet sie sowohl an die Buddhas wie
an alle Wesen weiter. Wenn man am Arbeitsplatz angekommen ist, nimmt
man sich die Zeit, jedem der Mitarbeiter einen Buddha auf den Kopf
zu setzen und diesen während der nächsten Stunden auch dort zu halten.
Überhaupt gehören
auch übergreifende Themen wie die langfristige Entwicklung der Welt
und die Gefahren durch Übervölkerung und Islam unterschwellig im
Geist dazu, ansonsten ist man kein bewusster Mensch. Vor allem habe
ich hier Vertrauen zur »International Herald Tribune«, aber eine
kluge deutsche Zeitung mit wenig politischen Scheuklappen bringt
es wohl auch, ebenso wie die Nachrichten im Fernsehen. Abgesehen
davon dass man seine Stimme auch mal zukunftsträchtig abgeben kann,
gibt es genug Stoff für die Entwicklung von Mitgefühl und der durchschneidenden
Weisheit, die auf lange Sicht als einziges der Welt helfen kann.
Wartet eine
Familie zuhause, dann tut man was möglich ist. Nutzt ihnen, wann auch
immer, mit eurer Einsicht und schließt sie in euer Wachstum mit
ein. Sie sind oft der beste Prüfstein in Sachen Geduld.
_____________________________________________[nach
oben]
Was auch immer
während des Tages geschah, das Diamantgeistmantra am Abend wird
alles Gestörte wegreinigen. Dann ist wieder Zeit für die glückliche
Liebe und man macht - wenn möglich - noch vor dem Einschlafen die Klare-Licht-Meditation.
Zu allerletzt
noch ein paar Ratschläge für die Freunde, die Zurückziehungen in
Rödby, auf Schwarzenberg, in Karma Gön, Oradea, Langenhorn, Kaitaia
oder an anderen unserer Zentren um die Welt vorhaben: Ob ihr da
Ngöndro machen wollt, Shine oder Yidam und das weitgehend aus eigenen
Kräften heraus steuern wollt: Die besondere Möglichkeit, die euch
die Zurückziehung bringt, ist die Freiheit, die Welt später mehr
auf Abstand sehen zu können, als ein Spiel von Bedingungen und einen
Traum. Die Freude dabei ist das Süchtigmachende an Zurückziehungen.
Man fühlt sich einfach so gut in seiner selbstgewählten Welt, dass
nur selten der Wunsch aufkommt, noch in die Welt der anderen einzugreifen.
Meditation ist
an sich gutes Benehmen, heißt es in Karmapas Mahamudragebet. Wenn
wir bewuss t in allem bleiben, was im Leben geschieht und in der höchsten
Sicht verweilen, gibt es keinen Augenblick, der uns nicht weiterführt.
Den Geist kennenzulernen ist das einzige Ziel.
Aus: Kagyü Life Nr. 18, 7. Jahrgang (Juli 1995)
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oben]
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