“Ich verstehe das mit der reinen Sicht nicht. Es ist doch einfach so, dass manche Dinge und manche Menschen schön sind, andere nicht. Macht man sich da nicht was vor?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
In diesem Fall geht es darum, auch im dick oder dünn sein etwas Phantastisches sehen zu können. Das ist eine Ebene jenseits des Allgemeinen, auf der alles phantastisch ist, einfach weil es passieren kann. Auf der allgemeine Ebene will jede Frau gerne so ein bisschen nach Sanduhr aussehen und die Herren so ein bisschen nach Y. Das ist so auf der Ebene der Anhaftung. Auf der anderen Ebene sehe ich, auch wenn einer umgekehrt aussieht, dass irgendwelche Weisheitsprozesse zusammengekommen sind, um das geschehen zu lassen. Das selbe gilt für die Gedanken.

Jeder will gerne schlau sein und keiner verwirrt, aber tatsächlich sind auch die verwirrten Gedanken an sich wahr, bloß weil sie entstehen. Wenn man jenseits der Anhaftung geht, ist alles phantastisch, bloß weil es geschieht, weil es die Möglichkeiten des Raumes zeigt. Aber natürlich ist es schwierig, jenseits dieser allgemein weltlichen Welt zu gehen. Wir kennen im Buddhismus ein paar Leute, die das erreicht haben. Es gab außerhalb von Lhasa z. B. eine sehr hoch verwirklichte Frau, die in einer Schlachterei arbeitete. Und alle Leute gingen vorbei und sagten: "Hilfe! So eine Wilde, nichts wie weg." Sie stand da, mit wild rollenden Augen und alles was vorbei kam: Kopf ab. Aber ein Dharma-Lehrer hat gesehen, dass sie die Geister dieser Tiere weiter geschickt hat auf reine Bewusstseinsebenen. Und er ist zu ihr gegangen und hat sich verbeugt. Sie hat ihr blutiges Messer auf seinen Kopf gelegt, und er hat spontan 21 besondere Fähigkeiten entwickelt. 

Es gibt schon Fälle, in denen die allgemein bürgerlichen Maßstäbe nicht mehr passen. Die bürgerliche Ebene geht nur bis zu einem gewissen Punkt und danach kommt eine Ebene von riesiger Freiheit. Aber wer sich da rein bewegt, steht auch für sich selbst da und hat Eigenverantwortung. Solange man so schnattert wie all die anderen im Teich und man benimmt sich so, wie es erwartet wird, hat man auch den Schutz der Masse. Bewegt man sich weiter raus, muss man riesiges Mitgefühl haben, das alle spüren. Man muss sehr hart arbeiten und die Leute wirklich mögen.

Wenn man dabei nur an sich selber denkt, dann kommt man in Schwierigkeiten.
Dann kriegt man Feinde. Nur solange man außerhalb des Persönlichen ist wird es einem abgenommen und man wird anerkannt. Wenn man diese Liebe hat und zum Besten aller Wesen arbeitet, dann ist an der bedingten Welt kein Klebstoff mehr. Dann kann man wirklich frei gehen. Und das Beste ist, auf mehreren Beinen zu stehen: die Freiheit, das Transzendente, die neuen Möglichkeiten in den Kursen zu entwickeln und in den Meditationen jeden Tag zu üben. Und dann die Extrakraft, die man gewinnt, durch diese überpersönliche Sicht in die Welt bringen.

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