Tag Archive for “Angst”

Manchmal denke ich, bei mir ist Angst die Haupt-Motivation für meine Praxis. Ist das auch okay?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
In deinem Fall würde ich einfach sagen, „Gut, die Angst ist mein Pferd!“ Sobald Angst hochkommt, denkst du: „Heute habe ich besonders viel Angst, also werde ich besonders viel meditieren!“. Ich würde das alles laufen lassen und es immer wieder als Antrieb verwenden für die Meditation. Eines Tages schaust du dich um und dann sind die Schleier verschwunden. Nutze das!
Man kann lernen, die Energie eines Störgefühls zu verwenden, sei es Angst oder Eifersucht oder irgendein anderes. Wenn man lernt, diese Kraft für den Weg zu nutzen, dann hat man riesige Möglichkeiten.

Was kann man gegen immer wiederkehrende Ängste tun?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Angst bekämpft man am besten langfristig. Arbeit mit dem Geist ist wie Arbeit mit dem Körper. Wenn wir heute eine Menge Klimmzüge machen, werden wir heute nicht stark sein. Das werden wir morgen sein. Heute tun die Arme weh.
Und genauso ist es mit Meditation. Wenn wir heute ein Problem haben, können wir es nicht heute durch Meditation entfernen. Wenn wir aber gestern meditiert haben, kommt das Problem heute nicht. Und falls es doch kommt, können wir es vom Tisch wegwischen. Wir säen und ernten eben nicht am selben Tag.

Es gibt allerdings auch Methoden, mit denen man schnell an so etwas arbeiten kann. Man kann sich das so vorstellen: Hier ist das freie Feld des Geistes. Wir sind dabei es zu erobern. Und dann taucht plötzlich irgendein Problem auf, eine Angst, ein Zorn, eine Ungeschicklichkeit oder so etwas auf. Man kann auf zwei Arten damit umgehen. Entweder man greift das Problem oder das Störgefühl direkt an. Man schickt zwei Divisionen drauf und ruft: “Stopp, so geht das nicht!”.  Wenn man genug Kapital in Form von guten Eindrücken im Geist hat, dann gelingt es.
Wenn man aber merkt, dass man nicht genügend Sturmritter (z.B. nicht genug Motivation, Kraft oder Vertrauen) hat, um damit durchzukommen, dann nimmt man das Land darum herum ein. Man geht weiter. Man denkt nicht an das Problem. Man identifiziert sich nicht damit, man ernährt es nicht. Und wenn man irgendwann später nach dem Problem schaut, dann ist es nicht mehr da.

Eine weitere Möglichkeit ist, dass man sich seiner Angst stellt. Indem man ihr begegnet – egal wie schlecht man sich auch zuerst dabei fühlt. Letztendlich hört die Angst dadurch auf. Dann hat man ihr das Genick gebrochen und sie wird nie wieder kommen. Ich erinnere mich an ein Beispiel von mir selber, als ich Kind war. Da war ich zu Besuch bei meinem Onkel in Jütland und in seinem Keller gab es so ein dickes elektrisches Kabel.  Man hatte mir gesagt, dieses Kabel würde sich nachts in eine Schlange verwandeln. Eines Morgens kamen meine Eltern dann in den Keller runter und sahen mich da – ich war wohl drei, vier Jahre alt – mit diesem Kabel in der einen Hand und einer Keule in der anderen Hand. Ich hatte die ganze Nacht da gestanden und darauf gewartet, dass es zu einer Schlange werden würde, die ich dann niederknüppeln wollte! Das ist eine Möglichkeit, wie man mit Angst umgehen kann. Man kann allerdings auch den Weg der Weisheit gehen und entdecken: Es ist überhaupt keine Schlange. Das ist natürlich leichter.

Wie kann man Angst schnell auflösen?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Bei Ängsten habe ich immer einen guten Rat. Man schaut sich um und denkt: “Wer würde diese Angst kaufen?”. Dann denkt man: “Sie würde sie nicht kaufen, er nicht und sie da drüben auch nicht!”, man merkt also “Hm, vielleicht ist diese Angst nutzlos!?” – und dann wirft man sie einfach weg. Das ist eine Möglichkeit.

Angst hängt auch oft mit dem Atem zusammen, man atmet in so einer Situation falsch und unregelmäßig. Eine weitere Möglichkeit ist deshalb, dass man sich zwingt, langsamer und tiefer zu atmen. Man atmet tief ein bis zu einer Stelle kurz unterhalb des Nabels, hält den Atem einen Moment lang im Bauchraum wie in einer Vase und atmet dann wieder aus. Ein Paar Mal tief durchatmen, den Atem ein bisschen am Nabel halten, aber nicht so lange bis einem schwindelig wird! Die Angst hört dann nach und nach auf.

Am besten ist es, wenn man bei allen Ängsten und Schwierigkeiten, die man so haben kann, einfach denkt: “Alle sind meine Freunde und alle haben Nutzen davon, dass es mir gut geht, und jetzt tue ich einfach, was vor der Nase ist.”  – und dann tut man das einfach. Das ist auch gut bei Prüfungsängsten. Da denkt man: “Das ist ja eine richtige Verschwörung. Der Prüfer will, dass ich bestehe. Der Lehrer will, dass ich bestehe. Die Karten stehen sehr gut für mich. Ist das nicht nett ?” Und dann geht man rein in die Prüfung, setzt sich zu seinen Freunden, redet und erklärt ihnen alles, was sie wissen wollen. Man macht sich die Umgebung so freundlich, dass man nur gewinnen kann.

Wodurch entsteht Angst?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Angst ist kein primäres oder sekundäres Gefühl, sondern ein tertiäres. Das primäre, grundlegende Störgefühl ist Unwissenheit, daraus entstehen andere: Verwirrung, Stolz, Zorn. Aus denen wiederum entsteht Angst.
Angst entsteht aus altem Zorn und Groll, der wieder hoch kommt und den man in seinem eigenen Geist nicht aushalten kann. Wenn man diese unterschiedlichen gestörten Gefühle wie Widerwillen, Neid usw. in sich hat, und der Geist schaut auf seinen eigenen Inhalt, dann sieht er Sachen, die ihm nicht gefallen. Dann erlebt er Angst.

Die Welt ist ja eine Projektion unseres Geistes. Sehen wir sie durch die rosa Brille, ist sie schön. Sehen wir durch die schwarze Brille, ist die Welt furchtbar. Dann haben wir Angst, weil wir Zorn, Groll und Störungen in uns haben, mit denen wir nicht gearbeitet haben. Die beste Weise, Angst loszuwerden ist, dass man jeden Tag völlig bewusst allen Wesen so oft, so stark und so tief wie man kann alles Gute wünscht. Es gibt keine Angst, die dann nicht verschwinden wird. Denn die Blockierungen, die man nicht aushalten kann, fallen dadurch weg. Gute Wünsche für andere sind das Stärkste.

Bei Zorn und bei Angst ist es auch sehr gut, eine Million Wiederholungen des  Mantras “Om mani peme hung” zu machen. Dieses Mantra ist wie ein Universalputzmittel. “Om” entfernt Stolz, “Ma” entfernt Eifersucht, “Ni” entfernt Anhaftung, “Pe” schneidet Verwirrung durch, “Me” entfernt Geiz und Gier und “Hung” zerstört Zorn. Immer wenn man “Om mani peme hung” sagt, säubert man den inneren Spiegel seines Geistes. Das ist sehr effektiv!