“Ist Dummheit nicht auch genetisch bedingt?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ja, aber man kann sehr viel wettmachen. Es gibt einige Beispiele dafür, dass starkes Vertrauen eine niedrige intellektuelle Begabung wettgemacht hat.
Es gibt eine Geschichte von einem Mann, der sehr dumm war. Aber er hatte volles Vertrauen zu seiner Frau, die sehr klug war. Sie sagte zu ihm: “Setz dich in den Tempel und mach ganz viele starke Wünsche. Dann streckst du deine Hand aus. In dem Moment, wo dir etwas in die Hand gegeben wird, wirst du etwas verstehen.” Das tat er also. Er streckte die Hand aus und die Frau gab ihm einen Apfel. Dieser Schock hat plötzlich eine Menge intuitives Verständnis geöffnet.

Eine andere Geschichte aus der Zeit Buddhas handelt von Sayeputras Bruder, der sehr dumm war. Er musste nur vier Zeilen auswendig lernen, um ins Kloster aufgenommen zu werden, aber er konnte sie sich nicht merken. Buddha wollte, dass er ins Kloster ging. Das scheiterte mehrmals, weil er die vier Zeilen nicht auswendig lernen konnte. Schließlich hat ihm Buddha eine ganz einfache Belehrung gegeben: er sollte nur den Hof fegen und dabei immer denken, dass er alle Unwissenheit aus dem Geist wegfegen würde. Und irgendwann wurde er zu einem Arhat. In diesem Fall hat das Vertrauen, der schnelle intuitive Weg, den intellektuellen Weg unnötig gemacht.

Es gibt noch ein Beispiel, das ist eine kurze tibetische Geschichte. Ein alter Mann lebte in Südindien. Dieser Mann war schon richtig alt. Sein tiefster Wunsch war es, den Lehrer Nagarjuna kennenzulernen. Weil Raum gleich Information ist, kam irgendwann Nagarjuna  vorbei. Der alte Mann fragte ihn: „Du bist so weit gereist – hast du von diesem Nagarjuna gehört? Wo ist er? Ich möchte ihn gerne sehen!“ Und der Philosoph hat dann gesagt: „Alter Mann, du hast Glück. Ich bin Nagarjuna.“ Der alte Mann war total glücklich und er sagte: „Ich kann nicht lesen und schreiben, und ich verstehe nicht soviel. Kannst du mir nicht bitte irgendetwas sagen, das ich verstehen kann?“ Nagarjuna gab sich viel Mühe, aber der alte Mann guckte nur und hatte nichts von seiner Belehrung verstanden.

Dann sagte Nagarjuna: „Okay, alter Mann, jetzt tust du das: setz dich hier hin und hämmere Erdknollen kaputt. Stell dir folgende Fragen: Wer ist das, der mit dem Hammer schlägt? Wer hält ihn hoch? Ist es derselbe? Das ist alles, was du tun sollst.” Und nach einiger Zeit merkte der alte Mann: Es gibt ja gar keinen! Das ist ein Arm, das ist ein Rücken, das sind Augen, dann entsteht eine Vorstellung –  aber es gibt ja gar keinen, der irgendetwas macht. Als er gesehen hat, dass alles bedingt war und zusammengesetzt, wurde ihm klar, dass es dann ja auch keinen gab, der leiden konnte. Es gab also gar keine Probleme!

Das ist eine Geschichte, die uns die unterschiedlichen Mittel zeigt, durch die man am Ziel ankommen kann. Am Ende ist der Geist klares Licht und alles strahlt. Wenn man das verstanden hat, ist man am Ziel. Dann erkennt man, dass der Geist ohne Geburt und Tod ist. Dann ist der Rest sowieso ein Geschenk. Man ist spontan und mühelos und man tut, was vor der Nase ist – dann passt es einfach.

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