“Wie kann man die buddhistische Praxis am besten in den Alltag integrieren?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Hier gilt es, eine erfreuliche Mischung aus formaler und intuitiver Praxis zu üben, wann immer dies möglich ist. Ich würde versuchen, ein paar mal am Tag kurze Perioden von Meditation einzulegen, ganz spontan, wenn sich die Möglichkeit bietet. Auch ist es gut, feste Perioden von Meditation während des Tages zu haben, auf die man bauen kann. Zum Beispiel nach der letzten Umarmung morgens würde ich mich mit der Partnerin hinsetzen und mit ihr zusammen fünf Minuten Zuflucht nehmen oder auf die drei Lichter konzentrieren.

Auch kann man während des Tages jede Pause verwenden, um Karmapa im Raum entstehen zu lassen und sich auf die verschiedenen Lichter konzentrieren. Man kann versuchen, alles so rein und so schön wie möglich zu sehen. Auf dem Weg zur Arbeit im Bus oder Zug kann man sich dann Buddha oder Karmapa auf einem Brett sitzend über den Köpfen der Leute vorstellen. In einem Moment zieht man in seiner Vorstellung alle Bretter weg und Buddha, bzw. Karmapa fällt in ihre Herzen und beginnt zu strahlen. Ich würde mich die ganze Zeit über darauf konzentrieren, dass Raum gleich Freude ist und darauf, dass der Raum ein Behälter ist und keine Trennung. Das bedeutet, das Bewusstsein nicht nur nach vorne auszurichten, also der Nase und den Augen zu folgen, wie es unsere Gewohnheit ist, sondern sich ebenso des Raumes hinter sich und neben sich bewusst zu sein.

Es geht darum, das Bewusstsein als etwas Raumähnliches wahrzunehmen, als etwas, das sich überall hin ausdehnt. Dieser Punkt ist wirklich sehr wichtig, deshalb betone ich ihn oft. Erlebt man den Meter Abstand zwischen sich und den anderen nicht als Trennung, sondern als Raum, als Behälter, der uns alle umfasst, wird man mehr und mehr Freude erleben. Indem man diese Sichtweise entwickelt, immer das Vereinende und Zusammenbringende erlebt, werden sich auch ganz natürlich übersinnliche Erlebnisse und Fähigkeiten einstellen. Auf einmal wissen wir, wer anruft, bevor das Telefon klingelt oder wir denken an einen Freund und wenig später erhalten wir seinen Brief. Dies geschieht, weil der Geist in seiner freudvollen, entspannten Haltung  all sein Wissen und all seine Fähigkeiten ausdrückt.

Auf der Arbeit angekommen kann man nun in allem und jedem etwas Spannendes und Sinnvolles erleben. Die Damen würde ich auf ihre Schönheit aufmerksam machen und die Herren auf ihre Kraft oder Freude. So auf ihre Stärken aufmerksam gemacht, sind sie mehr in Kontakt mit ihrem Potential. An unserem Arbeitsplatz denken wir dann: „Ich habe hier nicht nur eine Pflicht – ich habe eine Aufgabe. Durch das, was ich heute tue, kann ich viele Wesen berühren und Ihnen vielleicht etwas geben, was ihnen nutzt, was ihnen Hilfe und Freude bringt.’’Wenn einmal nichts zu tun ist und keiner etwas von einem will, kann man sich kurz völlig entspannen, die drei Lichter in sich aufnehmen und anschließend die guten Eindrücke an alle Wesen verschenken. Geht man eher einer physischen Tätigkeit nach und braucht dabei nicht soviel denken, kann man auch die ganze Zeit über ein Mantra halten.

Man kann wirklich alles, auch Maschinen, nicht nur gewohnheitsmäßig betrachten, sondern auf einer höchstmöglichen Ebene als Ausdruck der Intelligenz ihrer Entwickler sehen, die so etwas fantastisch Funktionierendes erschaffen haben. In der Frühstücks- oder Mittagspause kann man dann wieder so begabt und sinnvoll wie möglich mit den Leuten umgehen, in allem was geschieht das Schönste und Frischeste sehen. Während des Essens kann man denken, dass man alles an Karmapa verschenkt.
Ist man dann anschließend wieder bei der Arbeit und hat vielleicht einen unmöglichen Chef, denkt man einfach : „Wie wunderbar, ohne schwierige Leute keine Geduld, ohne Geduld keine Erleuchtung – vielen Dank’’ Man nutzt also so gut es geht die ganze Zeit, egal was geschieht, und versucht aus allem das Beste zu machen und zu lernen. Auf dem Weg nach Hause lassen wir dann wieder Karmapa in die Herzen der Leute fallen.

Wer morgens keine Verbeugungen machen konnte, sollte sie bestimmt jetzt machen. Der Grund dafür ist, dass das wiederholte „Langschleudern“ des eigenen Körpers die eigenen Energien ausrichtet. Der Energiepegel wird dadurch so hoch, dass man jede Stunde, die man für Verbeugungen nutzt, direkt von der Schlafzeit abziehen kann. Auch geben sie riesige Kraft und man wird dadurch fähiger, etwas für andere zu tun. Wenn gerade nichts Spannendes im Fernsehen läuft, kann man auch auf Diamantgeist meditieren und reinigt so alle schädlichen Eindrücke, die man während unzähliger Lebenszeiten angesammelt hat. Oder man macht seine persönliche Praxis, bei der man gerade ist. Zuletzt nimmt man dann seine(n) Geliebte(n) mit ins Bett und praktiziert die Vereinigung von Leerheit und Freude, die Zusammenkunft von Weisheit und Mitgefühl. Wenn die Zeit zum Schlafen kommt, kann man im Bett sitzend noch eine letzte Meditation auf die Leerheit-Klarheit des Geistes machen, die ,,Klare-Licht-Meditation.’’

Dann legt man sich hin und verweilt die ganze Nacht über in einem Zustand von grenzenlosem Licht. Am nächsten Morgen strahlt das Licht wieder in uns zurück, man entsteht als Yidam aus dem Raum heraus, nimmt Zuflucht und geht dann weiter in den Tag. Auf diese Weise hat man volle 24 Stunden Nutzen.

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