Fragen an Lama Ole

Manche Leute kommen mit extrem wenig Schlaf aus. Ist das erstrebenswert, oder fehlt einem da doch irgendwas auf die Dauer?


Antwort von Lama Ole Nydahl:
Grundlegend ist Schlaf Unwissenheit, aber es ist auch eine sehr nützliche Unwissenheit. Denn wenn man zu lange nicht geschlafen hat, dann tut man den Kanonenschlag in den Mund und schmeißt die Zigarre weg, wie die Betrunkenen in der Silvesternacht.

Wenn man sehr wenig Schlaf braucht, ist man möglicherweise leicht manisch veranlagt. Man läuft zu schnell hoch und hat dann diese Auf-und-Nieders. Trotz der vielen großen Yogibeispiele wie Milarepa, der ganz lange kaum schlief, ist meine Erfahrung, dass man da die eigenen Reserven abbaut. Ich selbst bin dafür bekannt, dass ich wenig schlafe. Wochenlang kann ich mit drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht funktionieren, aber dann fehlt mir wirklich was. Wenn ich eine Woche weniger als fünf Stunden habe, sitze ich da und weiß genau, was ich sagen will, aber mein Wortschatz ist von fünfzigtausend auf fünftausend Wörter geschrumpft. Wer hinzulernen, Sachen wirklich bereichern, zusammenhalten und vor allem intellektuell mit Worten arbeiten will, braucht auf Dauer schon sechs bis sieben Stunden Schlaf. Ansonst schafft man vielleicht Masse aber nicht notwendigerweise Wert – das habe ich während des Bücher-Schreibens gemerkt. Das gleiche gilt für einen Körper, der aktiv ist, der liebt, der springt, der tut, der denkt, der meistens nicht vor drei Uhr zu Bett kommt. Nur wer lange an einer Stelle ist und nicht so viel mit dem Kopf arbeitet, kann das reduzieren.

Wem es gelingt, ab und zu früher – möglichst vor Zwölf – ins Bett zu kommen, ist ein glücklicher Mensch. Ich selber habe es ein paar mal während unserer Buch-Zurückziehungen geschafft: Was man da an Traumphasen durchmachen und erfahren kann ist reiner Luxus! Doch zu lange schlafen sollte man auch nicht.