Wenn man sich den Zorn völlig abgewöhnt, wird man dann nicht oft übergangen und einfach nicht ernst genommen?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Wenn wir aufhören mit dem ,,Entweder-Oder’’ und die ,,Ich-Du’’-Konfrontation stoppen, wenn wir aufhören zu hoffen und zu fürchten, bedeutet das nicht, dass wir plötzlich zu „freundlichem Gemüse“ werden, rumsitzen, uns den Bauchnabel anschauen und jede Stunde „OM“ sagen oder so was.

Wenn man die Störgefühle entfernt hat, wird man wirklich effektiv. Jenseits von dem, was man denkt, was man will, was man sich vorstellt, jenseits dieser Ebene liegt die ganze Freude, Kraft, Liebe, die ganze Energie unseres Geistes. Alles ist da und das kann sich erst dann voll ausdrücken.
Man lässt nicht alles mit sich machen oder wird passiv oder sitzt rum wie ein Asket, der alles erlaubt und nicht eingreift. Wenn die Störgefühle weg sind, greift man ein, man ist wie ein „verrückter Elefant“, wie Milarepa sagt. Man tut genau das, was ansteht, hat keine Erwartungen oder Befürchtungen. Man reagiert wie ein Schwert, schneidet durch, wo geschnitten werden muss.
Wenn du von ,,Entweder-Oder’’ umsteigst auf ein rundes ,,Sowohl-Als-Auch’’, dann kannst du mit den Energien arbeiten, sie dahin führen, wo du sie haben willst. Also anstatt den Tiger zu stoppen, bindest du ihm einen Pflug an den Schwanz, steuerst ihn und dann gräbt er ein ganzes Stück Land um, wo du säen wolltest.
Ich selber sage ja auch, was mir gefällt und nicht gefällt. Für mich sehe ich alles Unangenehme als Reinigung und alles Angenehme als Segen. Ich sehe, was die Wesen schädigt, was ihnen Probleme macht. Und mit dieser überpersönlichen Einstellung greife ich dann ein und lass die Sachen so geschehen, wie ich will. Das geht jedem von uns so, sobald die eigenen Erwartungen und Befürchtungen weggehen. Man hat plötzlich viel mehr Kraft als vorher, ist viel effektiver und man ist sicher in dem, was man tut. Wenn du sicher bist, dass du das Richtige tust, ohne Ego, bist du viel stärker und beharrlicher und kommst viel besser durch. Man darf dabei nur nicht zornig werden.
In vielen Kampfkünsten wird gesagt, dass man auf den Zorn eines geduldigen Mannes aufpassen muss. Denn der weiß, was er tut. Er hat sein Pulver nicht in 5 Minuten Drama verschossen, er arbeitet gezielt an dem, was er will. Sorg immer dafür, dass alles, was du tust, aus einem einfachen guten Gewissen entsteht. Andernfalls hast du das Gesicht verloren und sitzt da mit Rührei im Bart und keiner kann dich ernst nehmen.
Der Weg zur Veränderung könnte folgendermaßen aussehen:
Am Anfang z.B. geht man zu einer Wahl und denkt „Wo kriege ich das meiste Geld raus?“ oder „Wie vermeide ich mehr Geschwindigkeitsbeschränkungen?“
Auf der nächsten Ebene würde man denken „Was nützt allen, so dass sie mehr Freiheit behalten? Dass es ihnen gut geht?“
Auf der dritten Ebene weiß man, was man tut, dass es richtig ist und man tut einfach, was vor der Nase ist. Es gibt keinen Zweifel mehr, man ist überpersönlich, man tut, was am meisten nützt.

Ein „Schlaffi“ wird man niemals mit buddhistischer Einstellung. Allerdings haben wir es auch schon auch ein bisschen missverstanden. Buddhistische Länder sind meistens leicht zu überrollen und kaputt zu machen bei Angriffen, sie wehren sich zu wenig. Das sind die Länder, die meistens von Mönchen regiert wurden. Wo mehr praktische Leute, Laien, Yogis leben, da konnten sie sich besser wehren.
Wenn man denkt, alle haben die Buddhanatur, also sind sie toll und wir brauchen uns nicht zu schützen, dann wird der Nachbar, der vielleicht nur ein kleiner Gauner war, zu einem großen Gauner, weil ihm die Möglichkeit dazu gegeben wurde. Weil man ihn nicht in seine Grenzen verwiesen hat, so dass er sich gut hätte benehmen können.
Es gehört schon dazu, dass man Kraft hat und sich schützen kann!

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