“Mit welcher Einstellung soll man intellektuelle Arbeit machen?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Bei intellektueller Arbeit, die einen zu 100% in Anspruch nimmt, sollte man vor Beginn diese als ein Geschenk an den Raum sehen. Das ist die Erleuchtung des Raumes, die sich selbst ausdrückt. Es ist Wahrheit innen und außen, die sich begegnen, das ist ein großes Fest. So tue ich es. Ich komme herein, um einen Vortrag zu geben und denke:,,Wow! Wenn ich da sitze und euch für einen Moment alle wahrnehme, geschehen plötzlich alle möglichen Dinge, weil da Raum ist, mit dem man arbeiten kann und Freundschaft da ist als Grundlage der Arbeit’’.

Und dann fange ich an. Auf dem Weg zu einem Vortrag habe ich noch keine Idee von dem, was ich sagen werde, doch sobald ich mich hingesetzt habe, kommen alle möglichen intelligenten Dinge hervor. Ich meine „intelligent“ nicht in dem Sinne, dass einem viel einfällt, sondern, dass man eine Menge Hindernisse entfernt. Wie wenn man aus einem Zimmer all die kleinen Trennwände entfernt und plötzlich ein großer Raum mit unendlichen Möglichkeiten entsteht. Da beginnen die Dinge sich auszudehnen, sich zu entfalten. Es kann auch durch Hannahs Liebe geschehen oder durch ein gutes Gespräch, durch die Schönheit einer Freundin.

Es gibt so viele Dinge in der Welt, die einen inspirieren können – und auf einmal entdeckt man, dass man die ganze Zeit über ein Konzept gehabt hat. Wir sind daran gewöhnt, feste Vorstellungen zu haben. Doch irgendwann entdecken wir, dass Raum etwas grundlegend Gutes ist. Und wir beginnen es zu mögen, Dinge loszulassen, fixe Ideen aufzugeben und stellen fest, dass wir nicht in ein schwarzes Loch fallen oder etwas dadurch verlieren. Wir beginnen in der Weise zu arbeiten, dass wir hier und jetzt bewusst sind, doch das bedeutet keine Einengung, sondern dass wir uns des Raumes darum herum bewusst sind.  Wenn wir das zusammen tun können, ist es die beste Art und Weise intellektuell zu arbeiten.

Lopön Tsechu Rinpoche konnte das. Er konnte gleichzeitig sechs Leuten, die über verschiedene Dinge sprachen, zuhören und beantwortete ihnen dann nacheinander Fragen, ohne dass sein Geist dadurch aus der Ruhe gebracht wurde oder eingeengt war. Wir schaffen alle unsere eigenen Gefängnisse im Geist. Unsere Erziehung sagt uns: ,,Entweder –Oder’’, und dadurch, dass wir ständig die Dinge in diese „Entweder – Oder“ Kästen einordnen, blockieren wir unsere Ganzheit. Wenn wir das entfernen, entdecken wir plötzlich unendlichen, offenen Raum. Mit Ideen und Konzepten wird man niemals glücklich. Weil es unsere Gewohnheit ist, dass es immer um etwas geht, das irgendwo passiert, fühlt es sich auch immer schwer an; wir schleppen andauernd eine riesige Last mit uns herum.

Der Moment, in dem all unsere Konzepten und feste Vorstellungen zurücklassen und den Raum erleben zwischen den Gedanken, ist eine einzige Befreiung

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