Tag Archive for “Schlaf und Traum”

Kann es sein, dass – wenn das Band zwischen Lama und Schüler stark genug ist – man das im Traum mitkriegt, wenn der Lama in Gefahr ist oder sich gerade eine sehr wichtige Situation ergibt ?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ganz bestimmt träumt man das. Diese Intuition davon, was so passiert, ist viel ausgeprägter, als man meistens glaubt. Oft überlagern die eigenen Sachen das Gefühl und man kriegt es nicht mit.

Zum Beispiel als Kalu Rinpoche starb: In den letzten Jahren hatte Hannah eine engere Verbindung mit ihm als ich. Ich habe ihn durch Europa gefahren und wir waren großartige Freunde, aber ich war nicht so begeistert über die Leute, die seine Firma weiterführten. Ich fand sie zu mönchisch und zu steif. Diese Art von Buddhismus wollte ich bei uns nicht. Hannah hatte ihm aber versprochen, für ihn zu arbeiten.
Als er also starb, hatte ich so ein vages Gefühl, dass irgendwas mit ihm geschehen ist. Hannah dagegen, die näher an seinem Kraftkreis war, hat in dem Augenblick an ihn gedacht, sein Buch geöffnet und sein Bild ist auf den Boden gefallen. Das war in Malaysia. Das muss genau zu der Zeit gewesen sein, als er starb.
Bevor der letzte Karmapa starb, hatten wir auch alle gespürt: Jetzt könnte es sein. Und als dann gesagt wurde, dass er wirklich gestorben ist, war es eigentlich nicht so überraschend, denn alle hatten sich schon darauf eingestellt.

Was bedeuten Déjà-vu-Erlebnisse in Träumen?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Dazu gibt es zwei Erklärungen. Kurze Déjà-Vus, die eigentlich keinen Sinn haben oder irgendwie mit nichts zusammen gehören. Hier  bekommt das Bewusstsein die gleiche Botschaft über zwei verschiedene Wege: Über den intuitiven Weg des unmittelbaren Wissens und Sekundenbruchteile später über die verschiedenen Hirnzentren, die die selben Eindrücke auch verarbeiten. Das erlebt man dann als plötzliche Déjà-Vus.

Aber wenn du die ganzen Umstände und Orte wiedererkennst und weißt, was gleich kommen wird usw., dann bist du vielleicht nicht voll im linearen Bewusstsein mit Vergangenheit und Gegenwart, sondern ein bisschen außerhalb von diesem Strom.
Das Bewusstsein kann als ein riesiges Meer oder ein riesiger Raum gesehen werden. Und in diesem Raum laufen, wie Strömungen oder wie eine Linie, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und so wie die Welle oder der Strom seinem Wesen nach nicht verschieden sind vom Meer, in der selben Weise kann man aus diesem linearen Strom heraustreten, der durch persönliche Bindungen und Erwartungen entstanden ist.
Das kann durch ein Gefühl wie Hingabe oder den Wunsch, dass andere glücklich sein sollen geschehen. Dann bist du durch die Schwingung deiner Moleküle, durch den Raum zwischen deinen Molekülen, durch die Energie und Klarheit deines Geistes mit allen Sachen in Verbindung. Das ist dann dein ständiges Erlebnis und plötzlich zeigen sich dann zusätzlich deine Sinneseindrücke. Man kann dann leicht Dinge sehen, die kommen werden oder gewesen sind. Ich tue das oft bei Voraussagen.
Einige Leute haben das auch im Traum. Ich würde mich einfach darüber freuen, wenn es da ist, denken, dass es interessant ist und fröhlich weitergehen. Denn solange man es nicht beherrschen kann, ist damit nicht zu arbeiten. Erst wenn man es halten und beherrschen kann, ist es toll.

Kann man durch negative Träume auch direkt schlechtes Karma abbauen oder ist der Traum nur ein Spiegel dessen, was im Leben passiert?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Wo Körper, Rede und Geist zusammen einbezogen sind, sind auch die aufgebauten und befreiten Energien am stärksten. Hat sich bei dir unterbewusst ganz lange etwas getan, kannst du nachts vielleicht durch einen Traum die Bestätigung bekommen.

Durch die Kraft der Zuflucht und dadurch, dass du praktizierst, werden alle Sachen, die man nicht durchmachen muss, um zu lernen, vom Tisch gewischt. Die Kraft Mahakalas steuert alles und die großen Dramen, Leiden oder Schwierigkeiten werden durch den Segen jetzt als kleinere Schwierigkeiten oder auch als Kopfweh durchgearbeitet. Weil dadurch auch sehr intensive Sachen abgearbeitet werden, kann man im Traum auch Merkmale von diesen Prozessen sehen. Wenn man etwas losgeworden ist, kann man zum Beispiel fliegen oder man bringt jemanden um oder wird selbst umgebracht. Man erlebt so nachts, dass verschiedene Ego-Schranken fallen, aber der Abbau selbst geschieht Tag und Nacht.

Über persönliche Meditationserfahrungen soll man ja möglichst nicht sprechen. Gilt das auch für Träume?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Es gibt unterschiedliche Träume. Die ernsthaften Träume sind Botschaften deines Unterbewussten ans Bewusste und da sollst du ein bisschen abchecken, bevor du es breit weitergibst. Oder die Träume, wo du Buddhas und Bodhisattvas siehst, das ist auch etwas ganz besonderes, was man nicht jedem so ganz breit sagen sollte.

Auf der anderen Seite: Wenn du irgendetwas Lustiges oder Interessantes geträumt hast und es hat keine Super-Brisanz, klar kannst du es erzählen. Und wenn ihr zusammen sitzt und einer hat von Karmapa geträumt und erzählt das, dann ist das ja ein Segen für alle. Dann kriegen alle was Gutes mit – bei jeder Erwähnung von Karmapa. Nur wenn er dir etwas sagt, wovon du denkst, dass das ganz speziell für dich war, dann behältst du es auch für dich. Das kann man spüren, jeder, der von Karmapa geträumt hat.

Manche Leute kommen mit extrem wenig Schlaf aus. Ist das erstrebenswert, oder fehlt einem da doch irgendwas auf die Dauer?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Grundlegend ist Schlaf Unwissenheit, aber es ist auch eine sehr nützliche Unwissenheit. Denn wenn man zu lange nicht geschlafen hat, dann tut man den Kanonenschlag in den Mund und schmeißt die Zigarre weg, wie die Betrunkenen in der Silvesternacht.

Wenn man sehr wenig Schlaf braucht, ist man möglicherweise leicht manisch veranlagt. Man läuft zu schnell hoch und hat dann diese Auf-und-Nieders. Trotz der vielen großen Yogibeispiele wie Milarepa, der ganz lange kaum schlief, ist meine Erfahrung, dass man da die eigenen Reserven abbaut. Ich selbst bin dafür bekannt, dass ich wenig schlafe. Wochenlang kann ich mit drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht funktionieren, aber dann fehlt mir wirklich was. Wenn ich eine Woche weniger als fünf Stunden habe, sitze ich da und weiß genau, was ich sagen will, aber mein Wortschatz ist von fünfzigtausend auf fünftausend Wörter geschrumpft. Wer hinzulernen, Sachen wirklich bereichern, zusammenhalten und vor allem intellektuell mit Worten arbeiten will, braucht auf Dauer schon sechs bis sieben Stunden Schlaf. Ansonst schafft man vielleicht Masse aber nicht notwendigerweise Wert – das habe ich während des Bücher-Schreibens gemerkt. Das gleiche gilt für einen Körper, der aktiv ist, der liebt, der springt, der tut, der denkt, der meistens nicht vor drei Uhr zu Bett kommt. Nur wer lange an einer Stelle ist und nicht so viel mit dem Kopf arbeitet, kann das reduzieren.

Wem es gelingt, ab und zu früher – möglichst vor Zwölf – ins Bett zu kommen, ist ein glücklicher Mensch. Ich selber habe es ein paar mal während unserer Buch-Zurückziehungen geschafft: Was man da an Traumphasen durchmachen und erfahren kann ist reiner Luxus! Doch zu lange schlafen sollte man auch nicht.