Tag Archive for “Dynamische Wahrheit”

“Manchmal kommt eine Beziehung nur zustande, weil einer dem anderen ins Schema passt, z.B. eine Vater- oder Mutterfigur darstellt. Wie geht man mit so etwas um, soll man das benennen und analysieren oder darüber hinwegsehen?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Sobald wir etwas benennen, machen wir es schon klein. Wenn wir sagen, dies ist so, dann legen wir es fest, wir schließen mit dieser Aussage aus, dass es auch anders sein könnte. Damit nehmen wir der Situation den Raum und berauben sie aller anderen Möglichkeiten. Im Fluss zu bleiben ist das Beste. Mein Rat wäre hier, dass jeder für sich selbst schaut, wie man sich am besten ergänzen, wie man zusammenkommen kann. Analyse ist schon eine gute Sache bei toten Sachen. Wenn man anfängt etwas in Scheiben zu schneiden, um es genau zu untersuchen, so ist die Sache hinterher natürlich auch in Scheiben, also tot.

Eine Beziehung ist aber immer in Bewegung und wir sollten sie nicht so festlegen. Man zielt einfach nach dem, was man erreichen will. Dies bedeutet nicht unehrlich zu sein oder etwas nicht wahrhaben zu wollen. Man gibt in jeder Situation aber einen Vorschuss, einen Raum, dass sich das Beste entwickeln kann. Ich nenne dies „Dynamische Wahrheit“. Ein jeder schaut also mehr auf das, was möglich ist, als auf das, was bereits erreicht wurde. Es ist wie Wasser, das fließt; es ist lebendig!

“Muss man immer die Wahrheit sagen, oder kann man notfalls lügen, um jemanden zu schützen?”

Das kommt auf die Praxisebene an. Auf Theravada-Ebene, der Ursache-Wirkung-Ebene, wo du an dich selber denkst, solltest du immer die Wahrheit sagen. Hier ist es sehr wichtig die zehn schädlichen Handlungen zu vermeiden. Diese werden unterteilt in drei schädliche Handlungen des Körpers: Töten, Stehlen, anderen sexuell Leid zufügen – vier schädliche Handlungen der Rede: Lügen, Verleumden, grobe oder verletzende Rede, sinnlose Rede – und nochmals drei schädliche Handlungen des Geistes: habgierig zu sein, zu hassen und falsche Anschauung zu haben.

Auf Mahayana- oder Boddhisattvaebene, gibt es manchmal Situationen, in denen man andere Wesen schützen kann, indem man nicht die Wahrheit sagt. Kommt z.B. jemand die Straße heruntergelaufen und ihm folgen 15 mit Heugabeln bewaffnete Bauern, die uns fragen, wohin er gelaufen ist, so sollten wir denen nicht die Wahrheit sagen, da dies dem Flüchtenden schaden würde. Auf der Ebene des großen Weges, Mahayana, gibt es eigentlich nur die drei Handlungen des Geistes, die man auf keinen Fall tun kann: wir können nicht hassen, nicht beneiden und nicht verwirrt sein. Mit Körper und Rede können wir alles tun, um den Wesen bestmöglich zu nutzen.

Es gibt hierzu eine gute Geschichte des berühmten tibetischen Verwirklichers Drugpa Künleg, welche in dem Buch „Der heilige Narr“ beschrieben ist. Die Mutter von Drugpa Künleg war im ganzen Dorf als Klatschtante bekannt. Dauernd redete sie über andere und setzte Gerüchte in die Welt. Drugpa Künleg wusste, dass sie nicht mehr lange zu leben hätte und dass ihr Verhalten keine angenehmen Erlebnisse in ihren zukünftigen Leben hervorbringen würde. Da er seine Mutter liebte, riet er ihr immer wieder, meditieren zu lernen, doch es half nicht und sie behielt die  Gewohnheit, zu tratschen. Eines Tages lief Drugpa Künleg hinunter ins Dorf und verkündete überall lautstark: „Ich habe eben mit meiner Mutter geschlafen!“, obwohl dies gar nicht stimmte. Als seiner Mutter das sehr bald zu Ohren kam, war es ihr so peinlich, dass sie nun ihrerseits gar nichts mehr zu sagen hatte . Fortan nutzte sie die Zeit für Meditation, anstatt zu tratschen und Drugpa Künleg war,  als seine Mutter starb, in der Lage, sie  in einen befreiten Bewusstseinszustand zu führen.

Wenn die Einstellung gut ist, kann man auch einmal lügen, aber es sollte keine Gewohnheit werden und nicht aus Schwäche geschehen, sondern nur um andere zu schützen.