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“Was versteht man unter den vier Schleiern?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Es gibt vier Schleier, die unseren Geist bedecken.
Erstens die grundlegende Unwissenheit, die Unfähigkeit, sehen zu können, dass Subjekt, Objekt und Tat sich ergänzen. Dann zweitens die Störgefühle, die daraus entstehen. Drittens die negativen Worte und Taten und viertens die Gewohnheiten, die daraus entsteht.

Diese vier Schleier halten uns davon ab, das wahre Wesen des Geistes zu erfahren, die wirkliche Kraft und Freude in uns zu erleben.
Die vier Schleier sind wie eine Kette miteinander verknüpft. Egal, wo man die Kette aufbricht, es werden alle Teile gleich unbrauchbar.
Wenn man bei den Störgefühle ansetzt, wird man auch weniger schlechte Erfahrungen machen und dann wird man nach und nach immer weniger Lust haben, etwas gegen jemand anderes zu tun, und die Gewohnheiten lösen sich dann auch langsam auf.

Stoppt man z.B. die Unwissenheit, dann fällt der Rest auch weg.
Wer sich wünscht, die Gewohnheitsschleier zu beseitigen, der sollte ein bisschen länger in der Meditation verweilen und auf „Raum gleich Freude“, auf „Raum gleich  Frische und Möglichkeit“ meditieren. Dabei sollte man vor allem den Zustand des nackten Bewusstseins halten, da, wo man sich keiner Sache bewusst, sondern einfach sich nur des Bewusstseins bewusst ist. In diesem werden die Gewohnheitstendenzen aus anfangslosen Zeiten aufgebrochen.

Wenn der Geist seit anfangsloser Zeit klares Licht war, wie kommt es dann überhaupt zu all den Störgefühlen?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Alle Störgefühle entstehen aus Unwissenheit. Unwissenheit ist die grundlegende Unfähigkeit des Geistes zu sehen, dass Erleber, Erlebtes und Erlebnis sich gegenseitig ergänzen. Der Raum und seine Klarheit sind überall gleich. Leider verwechselt man den Raum mit dem Ich und hält die Klarheit, die Erscheinungen im Raum, für ein Du. Aus dieser Trennung entstehen die Störgefühle.

Man entwickelt Anhaftung an das, was man haben möchte, und Abneigung gegen das, was man nicht mag. Aus der Anhaftung entstehen dann Gier und Geiz, weil man das, was man hat, nicht mehr hergeben will. Aus dem Widerwillen entstehen Hass und Neid. Aus der Unwissenheit, der Dummheit, entsteht auch noch Stolz. Man hält sich für etwas Wirkliches, Bedeutendes, obwohl man jederzeit sterben kann.

Der Buddha lehrt, dass es 84.000 verschiedene Kombinationen dieser sechs Störgefühle gibt. Sie alle führen zu klotzigen Taten und Worten und diese wiederum zu schlechten Resultaten. Dieses Leid lässt uns glauben, die Welt sei gegen uns. Daraus entstehen wieder schlechte Taten. Und immer so weiter.

Durch das Christentum glauben wir hier im Westen, dass klare Dinge nicht heilig sein könnten. Wunder könnten angeblich nur geschehen, wenn wir die Dinge im Unklaren lassen, wenn sie ein bisschen mystisch sind. Aber im Buddhismus können die Dinge gar nicht klar genug sein. Je besser man hinsieht, je mehr man zweifelt, je besser man unterscheidet, je kritischer man ist, desto besser. So wird man ein richtig guter Buddhist. Der Buddha erklärt, wie die Dinge sind, aber die Erfahrungen macht man selbst. Es ist nur nicht klug, immer wieder dieselben Sachen anzuzweifeln. Wenn man einen Zweifel gelöst und dadurch etwas gelernt hat, geht man einfach den Weg weiter. Es ist gut, wenn man alles kritisch untersucht.

Wer am Anfang kritisch ist, ist am Ende wie ein Diamant: unzerstörbar, hart und klar. Man hat alles Schlechte aussortiert, so dass nur die Essenz übrig bleibt. Wer am Anfang voller Liebe und Begierde ist, ist am Ende wie eine Lotusblüte: offen für alles. Die Leute gehören zu verschiedenen Familien:

Die Umkehrung von Zorn ist die Diamantfamilie.
Die Umkehrung von Stolz ist die Juwelfamilie.
Die Umkehrung von Anhaftung ist die Lotusfamilie.
Die Umkehrung von Eifersucht ist die Schwertfamilie.
Die Umkehrung von Dummheit ist die Buddhafamilie.

Das stärkste Störgefühl, das einem die meisten Steine in den Weg legt, ist gleichzeitig der beste Rohstoff für Erleuchtung.