Tag Archive for “Handeln zum besten Anderer”

“Was soll man tun, wenn sich Leute ständig in Schwierigkeiten bringen, für Hilfe aber nicht offen sind?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Man darf nicht immer ein Kissen hinhalten, wenn einer seinen Kopf gegen die Wand knallen muss. Man verhält sich da eher wie ein Stierkämpfer, der „Olé“ ruft und den Stier gegen die Wand laufen lässt! Bevor schlechte Gewohnheiten zu tief werden, sollen die Leute lieber schnell spüren, dass es richtig weh tut – so weh, dass das Ego es nicht mehr schönreden  kann. und sie auf die Idee kommen, vielleicht etwas zu ändern.

Natürlich gibt es ein paar Sachen, die nicht passieren dürfen: Keiner darf zum Beispiel Aids kriegen, keiner darf die Gesundheit anderer so richtig schädigen. Aber dass die Leute auf persönlicher Ebene ab und zu eine blutige Nase bekommen, ist völlig in Ordnung! Oft muss es richtig wehtun, bis das Ego bereit ist, Gebiete abzugeben.
Buddhas Lehre ist etwas ganz, ganz Edles, damit soll man nicht den Leuten nachlaufen! Du lässt sie wissen: „Ich habe das Ding“, und dann können sie herumlaufen, bis sie entdecken, dass sie das Ding brauchen. Dann kannst du teilen, was du hast. Aber keiner kann von dir verlangen, dass du ihm nachläufst.

“Wie viel kann man geben, ohne die Leute von der Hilfe abhängig zu machen?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Die moderne Psychologie hat da ganz viele Ideen. Für mich ist das aber viel einfacher: Man hilft, so lange es praktisch anliegt und solange die Leute nicht berechnend werden. Man hilft, solange es natürlichen Austausch gibt. Wenn sie abhängig werden oder selbst nichts leisten, setzt man mal fröhlich einige Zeit aus und sagt: „Das ist meine Idee, und wenn du sie nicht magst, dann geh’ woanders hin.“

Würde ich zum Beispiel einen guten Vortrag geben, wenn reiche Leute da sind, die vielleicht spenden, und einen schlechten Vortrag, wenn ein paar alte Hippies herumsitzen, wäre ich kein guter Lehrer und kein ehrlicher Mann. Das kann ich nur sein, wenn ich in jeder Lage alles gebe, was ich habe. Wenn dann etwas schief ankommt, ist es das Karma der Leute. Ich denke nicht, dass es gut ist, seine Liebe zu dosieren. Ich würde eher volle Pulle geben – bei der Liebe, Vollgas beim Motorrad und umarmen, wer in die Nähe kommt. Und wenn sich einer fernhält, ist das auch in Ordnung. Aber man geht mit der vollen Kraft durch, die man hat, und gibt, was man kann. Das ist mein Rezept.
Wenn die Leute alles nehmen können, kriegen sie 100 Prozent, und wenn sie nur das Karma für fünf Prozent haben, macht uns das auch nicht klein.

“Wann ist es richtig, jemandem zu sagen, dass man ihm nicht länger helfen will?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Wenn man nicht mehr denkt, dass er mit seiner Lage arbeitet und weiterkommt. Solange man spürt, dass die Leute wirklich reingehen und tun, was sie können, ist Helfen gut. Aber sobald sie sich zum Opfer machen und nur etwas erwarten, lässt man es sein, denn dann kommen sie nicht weiter.
Das klingt vielleicht hart und ist nicht ganz im Stil der 60-er Jahre, wo unser neuer Humanismus geprägt wurde, aber man muss ja an das Wohl des Betroffenen denken.   Und  die sozialen und psychiatrischen Institutionen in Westeuropa sind inzwischen ganz gut. Viele meiner Schüler arbeiten in solchen Einrichtungen, und ich bin vollkommen sicher, sie machen gute Arbeit, und andere tun das auch. Ein schlechtes Gewissen müsst ihr dabei nicht haben, wenn ihr jemand professioneller Hilfe überlasst.

Auch zu Selbstmördern darf man nicht zu weich sein. Wenn der Kandidat anfängt, einen zu meiden, wenn er nichts mehr beweisen und erklären will und alles süßlich mit einem feinen kleinen Lächeln sagt – das ist der Augenblick, ab dem  man ihn nicht mehr retten kann. Sobald er sich in den Selbstmord verliebt hat, kann man nichts mehr tun. Solange aber noch ein bisschen Widerstand da ist, solange es noch einen inneren Zwist gibt, kann man ihn schon schocken und sagen: „Du wirst sicher in einem Kriegsgebiet in Afrika  wiedergeboren!“ Wenn die Leute ein bisschen begabt sind und wissen, was auf der Welt los ist, sagt man ihnen: „Denke an die Hutus und die Tutsis, was bei denen läuft!“ Wenn sie im Fernsehen gesehen haben, was da alles geschieht, kann man die Leute vielleicht noch aus ihrem Trip herausschocken. Man kann nicht nur nett sein, sonst verlieben sie sich noch mehr in die Idee, weil alle sie ernst nehmen. Und dann begehen sie Selbstmord wegen der anderen und nicht wegen sich selbst. Am Ende haben sie soviel darüber geredet, dass sie es tun müssen.

“Es gibt Leute, die immer helfen wollen, aber wenig Gutes damit bewirken. Kannst du etwas zum so genannten Helfersyndrom sagen?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Wenn die Leute helfen wollen, ohne sich selbst geholfen zu haben, werden sie meist gemieden. Niemand mag Hilfsversuche, die klebrig, zu persönlich und komisch sind. Viele haben ein sehr gutes Gespür, wenn etwas ungesund ist, wenn die Helfer sich vor ihren eigenen Schwierigkeiten verstecken wollen und sich dafür lieber auf andere stürzen. Andere Leute machen vielleicht nicht so viel, aber sie stehen breit da und jeder will von ihren Schwingungen etwas abhaben. Die Leute sind hilfreicher, als man denkt.

Das ist auch ein Grund, warum die Leute über so viele Hilfswerke und eigentlich gute religiöse Einrichtungen lachen. Die Betrunkenen gehen hin, solange sie hungrig sind, und nehmen eine Tasse Suppe mit Predigt. Und sobald  es ihnen ein bisschen besser geht, laufen sie ein Stück weiter, um die Suppe ohne Predigt zu bekommen. Man spürt schon, was gesund oder ungesund ist. Sogar Hunde spüren, warum man sie tätschelt – ob man sie wirklich mag oder ob man nur hofft, dann nicht gebissen zu werden.

“Manchmal hilft man Leuten, und wenn man selbst einmal Hilfe braucht, kommt nichts zurück. Was soll man davon halten?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Das ist eine Frage von Stil. Du musst einfach entscheiden, ob du im Kindergarten oder unter Erwachsenen bist. Wenn sich die Leute so kindisch verhalten, sind sie gefühlsmäßig nicht ausgereift und als Menschen nicht ernst zu nehmen. Vielleicht glaubst du aber auch nur, du hättest geholfen. So wie diejenigen, die dem Lama dadurch zu helfen glauben, dass sie das Gegenteil von dem tun, was er ihnen gesagt hat, weil sie denken, klüger zu sein. Vielleicht sind die Leute dir nicht dankbar, weil du deinen eigenen Vorstellungen und nicht ihrer Lage gemäß gehandelt hast. Oft ist beim Helfen zu viel Ego dabei. Man kommt mit einem Kasten von Ideen hin, und das macht alles richtig kompliziert.

Nach meiner Erfahrung sind Menschen, denen du ohne Hintergedanken hilfst, dankbar und entwickeln gute Eigenschaften. Am Anfang wollen sie sehen, ob du sie in eine Abhängigkeit bringen willst. Wenn du aber immer wieder wie die Sonne auf sie strahlst und nett bist, egal was sie tun, dann geben dir die Leute am Ende auch etwas zurück. Auch mit Geld zu helfen, ist immer schwierig. Ich selbst leihe kein Geld aus, sondern gebe Geld, wenn Leute etwas brauchen. Aber ich würde sie niemals in ein Abhängigkeitsverhältnis bringen.

“Ich bin oft unsicher, ob ich in einer bestimmten Situation eingreifen soll oder mich lieber raushalte. Kannst du dazu einen Rat geben?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Das ist eine Frage des Typs. Ich bin ein Handlungstyp, ich springe in alles rein. Für mich ist es natürlich, dass ich an allem in meiner Nähe in irgendeiner Weise teilnehme. Wenn es um Wachstum oder um die Richtung der Linie geht, also um überpersönliche Dinge geht, dann handle ich sofort. Das ist meine Verantwortung.  Karmapa hat mir die Verantwortung dafür gegeben und da greife ich sofort ein. Wenn die Leute jedoch unbedingt mit dem Kopf durch die Wand rennen wollen und erst selbst herausfinden müssen, dass das nicht geht, halte ich mich raus. Auf dieser persönlichen Wachstumsebene mische ich mich nur ein, wenn die Leute das wünschen, wenn sie zu mir kommen und sagen „Lama, ich hab’ ein Problem“. Natürlich gebe ich immer Zeichen, aber sind sie daran nicht interessiert und wollen es anders, dränge ich mich nicht auf.

Daran sieht man, dass wir keine Sekte sind. Denn Sekten halten ihre Leute ja schon bei der Stange. Wenn sie ein paar Wochen nicht da waren, kriegen sie einen Brief, nach weiteren zwei Wochen einen Anruf, dann kommen Besuche. Das machen wir überhaupt nicht. Die Leute können kommen und gehen, wann sie wollen, sich fernhalten, wenn sie eine Reinigung haben, und zurückkommen, wenn sie wieder offen sind. Bei uns läuft alles auf der Ebene von Selbstständigkeit. Natürlich sind wir Freunde und helfen, wenn wir wissen, dass jemand krank ist. Aber wenn jemand ein bisschen Zeit ohne Buddhismus braucht, laufen wir ihm nicht nach.

Man muss ein Gespür dafür kriegen, in welche Lage man gerne hineingeht. Man kriegt ein Gefühl, ob sich hier ein Lustspiel oder ein Trauerspiel entwickelt, etwas Nützliches oder etwas Schädliches. Und dann nimmt man im Lustspiel zwei Rollen an und lässt das Trauerspiel vorbeigehen. Je nach Funktion und innerer Einstellung merkt man auch, ob man durchgreifen sollte, um die Wesen zu schützen, oder nicht.
Wenn etwas richtig Störendes geschieht, ist es gut, einzugreifen. Zum Beispiel, wenn ein großer Kerl eine alte Dame schlägt. Man greift dann ein, wenn kein Zweifel besteht, dass es verkehrt ist und dauerhafte schlechte Ergebnisse bringt. Dabei sollte man jedoch möglichst nicht urteilen, denn sie hat ihn vielleicht im letzten Leben verhungern lassen oder ihm sonst etwas angetan.

Wenn es längere Sachen sind – Schikanen am Arbeitsplatz oder Schwierigkeiten unter Leuten – versucht man zu sehen, ob man selbst darin gefangen ist, ob man feste Ideen von Mögen und Nichtmögen hat. Hat man diese, hält man etwas Abstand, weil man sonst Fehler macht. Wenn man davon aber nicht gefangen ist, tut man das, wovon die Leute auf Dauer das Meistmögliche lernen. Dann bist du den Leuten ein Spiegel und machst sie auf Ihre Möglichkeiten und Eigenschaften aufmerksam. Wenn sich im Büro einer unmöglich benimmt, kannst du ihn ruhig einmal angehen und sagen: „Mach’ das nicht mit mir!“ Das sehen alle, dann ist er angeknackst und du kannst ihm künftig besser entgegentreten. Oder du versuchst, mit seiner Kraft zu arbeiten und sein Verhalten zu einem Witz zu machen.

Wir haben ja alle viele verschiedene Eigenschaften und Fähigkeiten. Einige Leute sind eher befriedend. Sie fühlen immer das Bedürfnis, alles zur Ruhe zu bringen und joviale Stimmung zu machen. Andere denken: „Hier sitzen alle nur herum, aber tun nichts!“. Sie bringen dann die vermehrende, bereichernde Ebene rein. Bei diesen zwei ersten Tatbereichen kann man kaum Fehler machen. Wenn man befriedet, muss man nur dafür sorgen, dass die Leute nicht einschlafen. Und zeigt man ihnen, was möglich ist, darf man nicht zu schnell zu viel geben.
Wenn die Leute dann einiges geschafft haben, mit Überschuss dasitzen und sich gut fühlen, kommt die dritte, die begeisternde Ebene. Man verliebt sich, wird hingerissen, erlebt etwas ganz Tolles und macht sich gegenseitig so richtig reich. Arbeitet man mit Begeisterung, muss der Lehrer jedoch immer aufpassen, denn er ist dabei sehr in Gefahr, stolz zu werden. Je mehr er mit Begeisterung und direkter Offenheit arbeitet, desto mehr muss er checken, dass er sich immer noch genauso wie jeder andere verhalten kann, dass er keine Rollen spielt und völlig normal ist, wenn er von seinem Thron oder von seiner Arbeit herunter ist und dass man mit ihm rechnen kann.

Wenn man die Leute inspirieren und erwecken kann, ohne dass ein Haften entsteht, kann man mit dem Spiegel dastehen und sagen: „Eigentlich seht ihr nur euer eigenes Gesicht, eigentlich könnt Ihr nur etwas Schönes bei mir sehen, weil ihr es selbst in euch habt!“ Wenn man als Lehrer so zur Seite tritt und den Leuten ihre eigenen Fähigkeiten zeigt, kann man mit diesem begeisternden Tatbereich arbeiten.
Der vierte Zustand ist schließlich da, wo man durchgreift und kraftvoll schützt. Wo man einfach weiß, dass etwas so nicht weitergehen darf. Das ist die schwierigste, aber oft wichtigste Funktion. Man ist bereit zu unterscheiden, Sachen zu stoppen, die schiefgehen.. Hat man diesen Schützerinstinkt, muss man aufpassen, dass man dabei nicht zornig ist.

“Wie kann man helfen, ohne gönnerhaft zu wirken?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Macht Euer Mitgefühl nicht zu einem Ding! Geht nicht herum und sagt „hier ist mein Mitgefühl!“ oder „ich bin demütiger als du!“, wie es so mancher Buddhist aus anderen Schulen tut. Tut cool, was vor der Nase ist! Handelt in dem Augenblick, in dem Mitgefühl da ist. Lässt man in dem Augenblick los, in dem die Aufgabe beendet ist, hat man immer saubere Hände. Dann ist man wie der Wind, der einfach den Staub aus dem Fenster wirbelt; und wenn das Fenster wieder zu ist, ist auch der Raum wieder warm.

Wenn man aus dem Mitgefühl ein Ding macht, wird es klebrig. Man handelt und tut, was man kann, denn der Mensch ist eben grundlegend nett. Danach vergisst man es und geht fröhlich weiter.
Hierzu gibt es eine nette Geschichte: Zwei Mönche aus einer wilden Sekte, die nichts mit Frauen zu tun haben durften, kamen an einen Fluss, den auch eine  Dame überqueren wollte. Der eine der beiden Mönche trug sie, stellte sie auf der anderen Seite wieder ab und ging weiter. Der andere schluckte fünfmal seine Mandeln und war völlig durcheinander. Er schaffte es erst nach drei Tagen, zu fragen:  „Wie konntest du sie nur anfassen?“ Der erste erwiderte: „Ich habe sie wieder abgestellt, aber du trägst sie immer noch!“ Es ist vor allem geistige Gesundheit, dass man im Nu handelt. Von einer wirklich richtigen Tat sagt man, sie ist wie eine Malerei im Wasser: Vorher ist nichts, hinterher ist nichts, im Augenblick passt alles! Da ist nichts klebrig, nichts erwartend, nichts befürchtend, es gibt kein Morgen und kein Gestern. Das ist die Ebene des Diamantwegs, die Ebene von Mahamudra.

“Was ist die Ursache, dass man bei den Leuten manchmal nicht ankommt, obwohl man etwas Gutes tun will?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ich denke immer, das Karma der Leute war nicht gut genug. Und dann gehe ich fröhlich an die nächste Aufgabe. Wenn du immer nach Fähigkeit dein Bestes tust, dann ist der Rest das Karma der anderen.
Jeder hat ja sein eigenes Karma. Nur in dem Maße, wie Ring und Haken zusammenkommen, und  Offenheit da ist, kann man den Leuten helfen. Wenn das nicht möglich ist, muss man ihnen passiv ein paar gute Energien ins Energiefeld geben und irgendwann, wenn sie einmal vergessen, an sich selbst zu denken, sickert es durch.

Es ist natürlich auch die Frage, wie geschickt du es anbringst. Es gibt Leute, die können lange Unterhosen in der Sahara verkaufen, und andere verkaufen sie nicht mal in Grönland. Dann kannst du es zu den Erfahrungen legen und lernst dadurch. Vielleicht gibt es später eine Lage, wo du besser handeln kannst. Aber das Gefühl ist nur die Verpackung, das Wichtige ist die Tat! An Gefühlen bastelt man sich ja alles Mögliche zusammen. Sie waren aber früher nicht da, und später sind sie auch nicht da – das Wichtige ist die Tat. Dann kann man sehen, ob es den Wesen nutzt, und sich freuen, dass man eine gute Einstellung hat.

“Besteht nicht die Gefahr, übergangen oder missbraucht zu werden, wenn man immer selbstlos handelt?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Einige Leute haben von „selbstlos“ die Vorstellung, dass man sich selbst klein macht und die anderen hochhebt. Aus der christlichen Sichtweise heraus sind wir gewohnt, „entweder-oder“ zu denken – das eine klein, das andere groß zu machen. Aber das ist zu einfach. Wenn man denkt, dass man selbst in einer bestimmten Lage am meisten tun kann , kann selbstlos handeln auch bedeuten, dass man sich selber nach vorne bringt. Es bedeutet, dass man in jeder Lage das sucht, was zum Besten aller die höchste Ebene vertritt.

Die schlechten Trips anderer Leute nicht ernst zu nehmen, ist das Selbstloseste, was man tun kann. Man gibt keine Energie hinein und spielt nicht mit. Man sieht solche Trips als einen Hasen mit Hörnern an, wie die Tibeter sagen – als etwas, das es gar nicht gibt. Stattdessen bringt man den besten Trip nach vorn. Man ist der höchsten Wahrheitsebene verpflichtet und lässt das wachsen, was als Bestes in einer gewissen Lage geschehen kann.

“Kann man denn ständig zum Nutzen anderer handeln, muss man nicht auch mal an sich selber denken?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Wenn man so denkt, hat man die Dinge grundlegend falsch verstanden. Denn in dem Maße, wie wir für andere arbeiten, tun sie auch etwas für uns. Natürlich muss man begabt sein. Einem Schmarotzer soll man kein Geld geben, und Leuten, die schwierig sind, gibt man keine Möglichkeit, schwierig zu sein. Wenn einem jemand immer am Rockzipfel hängt, soll man sich nicht ausnutzen lassen, denn das bringt keinem etwas. Das Beste ist ein fröhlicher Austausch mit anderen, wenn jeder gibt, was er hat.

Je mehr du auf menschlicher Ebene gibst, desto mehr bekommst du. Der Geist ist wie ein Brunnen: Wenn Du ständig Wasser nimmst, ist es immer frisch. Wenn du nichts nimmst, dann liegen fünf tote Frösche drin und du kannst es nicht trinken.

Ich würde gar nicht so sehr an mich selbst denken. Wenn man an sich denkt, hat man nämlich Probleme, und wenn man an andere denkt, hat man Aufgaben! Ich würde dieses Ich überhaupt nicht reinbringen. Ich würde versuchen zu sehen, was am meisten nutzt. Einmal ist es vielleicht am nützlichsten, etwas für sich selbst zu tun, ein andermal, etwas für andere zu tun. Mal ist es vielleicht so , dass man Klimmzüge macht, um selbst stark zu werden, und ein andermal trägt man dann für jemanden ein Klavier ins nächste Stockwerk. Handelt man auf diese Weise, hat man nicht so viele Begriffe dabei. Man tut, was vor der Nase ist und hat immer ein Gefühl von „Wir“, dann bleibt es groß.
Man macht dabei auch die Erfahrung, dass wir uns alle gegenseitig bedingen. Wenn man mit der Einstellung anfängt, etwas für sich selbst zu tun, dann muss man die Spur wechseln und zu der Erfahrung kommen, dass es um ein „Wir“ geht. Wenn man nicht zwischen „ich“ und „wir“ trennt, sondern tut, was anliegt, was Spaß macht und im Moment fließt, dann kriegt man alles geschenkt. Dann entstehen die Kraftkreise und die Verbindungen. Möglichkeiten verdichten sich aus dem Raum, man ist immer zu Hause. Das Wichtigste ist, immer in der Mitte zu sein, in sich zu ruhen, in sich Vertrauen zu haben. Aus dieser Mitte, aus dem Überschuss und aus der Kraft heraus handelt man dann.

“Wir wollen zum Besten aller Wesen arbeiten, sind aber nicht erleuchtet. Wie sollen wir wissen, was langfristig das Beste für die Wesen ist?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Herauszufinden, was Glück bringt und was auf den falschen Weg führt, kann ein bisschen schwierig sein. Ich würde deshalb einfach die alte Bauernweisheit verwenden: Was man gerne möchte, das andere mit uns tun, das sollte man auch mit anderen tun. Ich würde dabei mit dem Selbstverständlichen anfangen, mit dem, was die Leute gerne mögen. Man ist nett zu ihnen und vermeidet, ihnen Schaden zuzufügen.

Es gibt drei verschiedene Ebenen, den Wesen zu nutzen. Auf der ersten gibt man ihnen Essen und Vitamine, aber vielleicht keine Flasche Schnaps, wenn sie noch nach Hause fahren sollen. Man tut, was vor der Nase ist. Man deckt materielle Bedürfnisse und hilft den Leuten für eine kurze Zeit. Das Beste, was du als guter Buddhist machen kannst, ist, weit in die Zukunft zu blicken und die großen Probleme, wie zum Beispiel die Überbevölkerung, zu sehen. So kannst du nach den Ursachen suchen und diese entfernen.

In Ruanda beispielsweise gibt es entschieden zu viele Leute auf zu wenig Platz. Wenn sie sich schlecht behandeln, haben sie keinen ordentlichen Lebensstandard, keine ordentliche Ausbildung und kein ordentliches Leben. Und du schaust weit voraus und sagst: „Kondome statt Kanonen nach Afrika!“ Dann redest Du mit Freunden, vielleicht kennt einer auch einen Mann im Bundestag, der beispielsweise sagen könnte: „Wir müssen aufpassen, dass uns die warmen Länder nicht überrollen und dann alle arm werden, denn sonst kann man auf Dauer gar nichts mehr tun. Und wenn sie weniger Kinder kriegen, können sie auch besser leben.“ So setzt du allmählich ein Bewusstsein in Gang. Ich würde aber nicht in Sachen eingreifen, wo du nicht unmittelbar etwas tun kannst.
Auf der zweiten Ebene deckt man die Bedürfnisse nach dauerhaften Dingen. Man macht die Leute selbstständig, zum Beispiel durch Erziehung und Ausbildung und lehrt sie, mit dem eigenen Leben klarzukommen. Aber das hilft auch nur bis zum Grab, zu dem der reiche Mann vielleicht in einem halben Meter längeren Auto gefahren wird und vielleicht auch mehr Schulden hinterlässt.

Aber das Beste, was man den Leuten geben kann, ist, sie mit der Lehre in Verbindung zu bringen, sie auf ihre eigene Buddhanatur aufmerksam zu machen. Alles, was die Leute selbstständig macht, ist gut. Und das, was sie einengt, abhängig und schwach macht, ist nicht gut. Jedes Mal, wenn du den Leuten Vertrauen zu sich selber und zu ihren Möglichkeiten gibt, hast du etwas sehr Gutes getan. Das tut auch der Buddha. Er sagt ja nicht „zehn Prozent mehr für die Arbeiter“, sondern bringt uns auf eine Ebene, wo es weniger Gier, Geiz oder Eifersucht gibt.
Man zeigt den Leuten die zeitlose Raum-Klarheit ihres eigenen Geistes. Man zeigt ihnen das, was zwischen den Gedanken liegt, das weiß, was gedacht und erlebt und gefühlt wird. Wenn man den Leuten mehr Platz zwischen den Ohren oder den Rippen gibt oder wo auch immer sie ihren Geist vermuten, dann hat man ihnen wirklich geholfen. Man handelt also ganz praktisch Stufe nach Stufe Man lernt durch Übung. Wenn man immer wieder versucht, sein Bestes zu ihrem Nutzen zu tun, liegt man selten falsch.

“Beim Bodhisattva-Versprechen geht es ja darum, allen Wesen helfen zu wollen. Wie geht man damit praktisch um?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Als Hannah und ich die ersten waren und 1972 anfingen, dachte ich auch, dass ich jetzt für alle Leute alles tun müsste. Ich habe das versucht und bin flott auf die Nase gefallen. Denn wenn der Hut nicht passt, dann passt er einfach nicht. In der Zwischenzeit bin ich von dem hohen Ross heruntergekommen, allen Wesen nutzen und helfen zu wollen. Stattdessen halte ich mich an die, die verstehen können, was ich sage. Glücklicherweise sind wir nicht die Einzigen, die etwas für andere tun. Bei Sozialisten, Christen, Hindus und bei anderen buddhistischen Schulen gibt es Leute, die auch für diejenigen da sind, die nicht mit meiner Arbeitsweise und mit unseren Gruppen klarkommen. Wir brauchen uns aber nicht um psychisch Kranke und um Sozialfälle zu kümmern, denn es gibt Leute, die dafür bezahlt werden und entsprechend ausgebildet sind. Und über deren gute Arbeit freuen wir uns.

Wir tragen mit unseren Steuern ja auch unseren Teil dazu bei – für jeden Liter Benzin, den wir tanken, beispielsweise 80 Cent und auf alles, was wir kaufen, 19 % Umsatzsteuer. Deswegen müssen wir nichts anders tun, als unserer Sache treu zu bleiben. Wir tun das, was richtig ist und was wir selbst verstanden haben. Weil es andere Hüte gibt, die auf andere Köpfe passen, müssen wir unsere Belehrungen weder verwässern, noch sie einfacher machen. Es ist gar nicht unsere Verantwortung, etwas zu bringen, was einem jeden passt. Wir wollen aber das, was wir haben, klar und sinnvoll übermitteln. So kann jeder, der den Kopf oder das Herz dazu hat, mit einer reinen Übertragung und einer klaren Belehrung in Verbindung kommen.

Wir kümmern uns um die Leute, die nirgendwo sonst etwas finden würden. Um Leute, die zu kritisch und selbstständig sind und zu klar denken, als dass sie sich unter einem Gott oder einem hierarchischen System zuhause fühlen könnten. Diesen Leuten bieten wir ein Feld, wo sie wachsen und lernen können.