Tag Archive for “Abgrenzung”

“Manchmal muss man sich doch in der Beziehung auch mal abgrenzen – oder nicht?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Nein, das denke ich nicht. Aber man muss dafür sorgen, dass man den anderen für alles liebt – für seine Intelligenz, seine Fähigkeiten, seine Kraft, sein Wissen etc. Nicht nur für eine Sache. Wenn man auf diese Weise eine volle Rolle einnimmt, dann muss man sich auch nicht abgrenzen. Wird einem allerdings nur ein kleiner Spielraum geboten, dann muss man sich abgrenzen und dem anderen z.B. zu verstehen geben, dass man nicht sein Diener, seine Mutter oder ähnliches ist.

Jede Verbindung basiert ja auf altem Karma und sowohl gute als auch schlechte gemeinsame Taten stellen starke Verbindungen her. In der aktuellen Verbindung wird das Positive oder Negative, was man früher zusammen getan hat als angenehme oder unangenehme Erfahrung gemeinsam erlebt werden. Karma ist sehr stark und teilweise kommen die Leute daher nicht voneinander los. Wenn einer der Partner sehr schwierig ist und überhaupt nicht bereit ist, sich zu ändern, und der andere leidet darunter, dann versuche ich schon, sie dazu zu bewegen, auseinander zu gehen.

Besser ein Leben ruiniert als zwei. Gerade in der westlichen Welt, in der man einen Sozialstaat hat und nicht abhängig vom Anderen ist. Es geht ja darum, dass man das Beste tut, was man kann. Dass man den Wesen und sich selber so gut nützt, wie es irgendwie möglich ist.

“Was ist besser, wenn man sich in eine Beziehung total einbringt, oder wenn man von vorneherein Abgrenzungen macht, um sich etwas Eigenständiges zu bewahren?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ich denke, man sollte sich voll einbringen. Wenn man allerdings lieber nebeneinander her leben will, mit klaren Grenzen, mehr wie in der Beziehung zu Vater oder Mutter oder in einem Bruder-Schwester-Verhältnis, so kann auch dies gut gehen, allerdings gibt es nicht die vollkommene Nähe einer romantischen Beziehung. Daher meine ich, es ist viel spannender, man lässt sich völlig ein, springt sozusagen mit beiden Beinen mitten rein.

Denn in der Liebe gewinnt der, der alles gibt. Bei der Liebe ist es so wie bei einem Brunnen:  Je mehr man nimmt, um so mehr bekommt man. Man wächst durchs Geben. Auch hier muss natürlich die Motivation richtig sein, man soll wünschen, dass der andere dadurch wachsen und weiterkommen möge. Dabei soll man nicht unselbständig sein, sondern seine Mitte bewahren, so dass man auch ständig geben kann.

Man denkt vielleicht, dass derjenige, der nichts einbringt in die Beziehung, der Gewinner ist, und dass der, der alles gibt, alles verliert. Das stimmt nicht: Der, der nichts einbringt, hat nichts gelernt, der, der gegeben hat, hat gewonnen und ist gewachsen. Man kann natürlich auch so cool sein, dass man gar nicht merkt, dass man gelebt hat, bevor man stirbt – dazu rate ich nicht.

 

“Ich habe Schwierigkeiten, mich auf Beziehungen einzulassen, weil ich jedesmal das Gefühl bekomme, dass Erwartungen an mich gestellt werden, und das ist mir unangenehm. Was kannst du mir da raten?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Erwartungen gleichen Anhaftungen. Daher soll man sich vorstellen, dass man den anderen so reich und schön wie möglich machen möchte. Man soll sich als freie Menschen sehen sich austauschen, Raum lassen, teilen, von einander lernen und reicher aus der Beziehung gehen und dies wiederum an andere weitergeben können. Man soll dafür sorgen, dass der andere sich entwickeln kann, dass man meditieren kann, nicht eingeengt ist.

Natürlich gibt es da noch tiefe Gewohnheiten entsprechend der Traditionen und Abhängigkeiten vor der Zeit des Sozialstaats: Die Frau ist zuhause und passt auf die Kinder auf und der Mann ist draußen mit dem Speer jagen oder kämpfen.
Zwar haben Frauen mehr Schwierigkeiten mit Anhaftung und Männer mit Zorn – entsprechend der Tantrafamilien. Aber heute im Sozialstaat, wo die Frauen die selben Freiheiten haben, da müssen sie weniger anhaftend sein und Männer weniger zornig.

Heute könnte man sich als freie Menschen, freie Individuen begegnen und austauschen, teilen, voneinander lernen und reicher aus der Beziehung davon gehen. Das Gelernte, Erfahrene dann an andere weitergeben. Diese Kraft in sich entfalten.

“Was kann man machen, wenn man immer eine gewisse Distanz zu seinem Partner spürt?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
In der heutigen Zeit kann man sich mehr Distanz erlauben als früher, da man nicht mehr zueinander gezwungen wird. Auch ist man nicht so abhängig voneinander wie damals, als es keinen Sozialstaat gab.
Gegen die Distanz hilft, dass man sich vorstellt, dass man so viel Licht wie möglich vom eigenen Herzen in das Herz oder den gesamten Körper des Partners strahlen lässt.

Das sollte man auch bei der Liebe tun: Du stellst dir vor bzw. fühlst wirklich, dass du den anderen völlig in dein Herz hinein ziehst und ihn dort hältst, wie dein Kind. Dann stellst du dir vor, du gebärst ihn und ihr seid ganz nah zusammen.