Tag Archive for “Egokiller”

Kann ein dickes Ego sinnvoll sein?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ja, wenn man es umkehrt. Normalerweise blockiert es nur die Kommunikation und ist unser schlimmster Feind. Wenn man es aber umkehrt und nicht mehr denkt: „Wie toll bin ich!“, sondern „Wie toll sind wir alle!“, dann geht man von der Hölle direkt ins Paradies. Wenn du denkst, ich bin so toll und klüger als alle anderen, dann bist du immer einsam und denkst immer, du bist in schlechter Gesellschaft.

Wenn du aber statt dessen denkst, wie toll alle anderen sind und was sie alles können, dann bist du immer in guter Gesellschaft und kannst von allen etwas lernen. Du kannst allen etwas geben, und die Welt wird immer schöner.
Wenn ein Lehrer vor seiner Klasse steht und denkt „Was machen die 30 Gorillas in meiner Klasse?“, dann kann er gleich wieder rausgehen, denn Gorillas kann man nichts beibringen. Aber wenn er denkt „Was machen die 30 Einsteins in meiner Klasse?“, dann macht es plötzlich Spaß, denn die können ja ganz viel lernen.

Himmel und Hölle geschehen zwischen den eigenen Ohren oder Rippen, je nachdem, wo man denkt, dass der Geist sitzt. Sieht man die Menschen und alles ist toll, das ist der Himmel. Sieht man überall Gefahren, Schwierigkeiten, Schmerz usw., dann bist du in der Hölle.

Was macht man gegen Sturheit und Egoismus?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Gegen Egoismus hilft, zu sehen, dass alle Leute in derselben Lage sind wie wir. Das sie alle Glück haben und Leid vermeiden wollen und dass sie sich gut benehmen, wenn es ihnen gut geht, und unangenehm werden, wenn es ihnen schlecht geht. Dass sie also nicht so viel anders sind als wir.

Und gegen Sturheit? Das Beste ist vielleicht "Peh sagen. Jedes Mal, wenn man so ganz verschanzt ist in sich, mit festen Ideen, dann sagt man schnell innerlich "Peh" und dann ist es so wie ein Haufen Erbsen, der von einem Stock getroffen wird: Die fliegen überall hin. Ich glaube, ein "Peh"-Geräusch ist gut, scharfes "Peh", "Peh!". Muß man erst die Elemente der Sturheit wieder versammeln, und wenn sie wieder da sind, dann nochmals "Peh", und dann bleiben sie vielleicht weg.

Wenn die Leute sich zu ernst nehmen, dann kitzelt man sie. Nur dabei aufpassen, wie Du mit ihnen stehst. Denn wenn sie sauer sind, dann versuchen sie Dich mit dem Hinterkopf zu treffen, so also ein bisschen zur Seite ducken und da kitzeln. Und dann sagen: ,,bist Du aber froh heute, nicht?’’ Und die nehmen sich wahnsinnig ernst und währenddessen werden sie gekitzelt und fangen an zu lachen.

Wenn ich beim Meditieren im offenen Raum ruhe, dann schaltet sich nach ganz kurzer Zeit mein Ego dazwischen und stört die Erfahrung. Gibt es da ein Gegenmittel?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ich würde das Ego immer loben, bis es nicht mehr weiß, wo Oben und Unten ist. Ich würde sagen: „Phantastisch, welche Weisheit! Du weißt schon, dass du deine Kontrolle verlierst, wenn du da mitmachst, wenn du den Raum erlaubst. Sehr klug, wie du das machst!“ Oder: „Oh, das ist das Ego. Es ist ganz normal, dass es hierhin kommt. Nimm dir eine Tasse Tee, Ego, ich meditiere gerade!“ Man macht einfach unbeirrt weiter. Und eines Tages hat man es geschafft. Irgendwann löst sich das Ego schließlich auf.

Aber man macht das Haustier nicht zum Raubtier. Es kann Gründe dafür geben, dass das Ego sich wehrt. Es könnte sein, dass am Anfang das vollkommene Erleben der Leerheit zu stark ist, so dass diese Erfahrung einen aus dem Gleichgewicht werfen kann. Vielleicht muss man erst noch mehr gute Eindrücke im Speicherbewusstsein aufbauen, bevor man das alles zulassen kann. Es ist auch möglich, dass ein Bereich, z.B. das intellektuelle Verständnis schon sehr weit ist, aber das die Gefühle noch nicht reif sind. Das gibt es auch. Da muss man der Entwicklung Zeit geben. Also, sei nicht sauer aufs Ego. Denke: „Aha, das hat sicher seinen Sinn!“, oder „das hat sicher irgendeine Bedeutung!“, oder „das hilft mir sicher vor irgendetwas!“, und dann machst du einfach weiter. Ich würde es nicht wild bekämpfen, denn dann gibt man Kraft rein in Egospiele, die auf diese Weise nur noch stärker werden. Mach einfach weiter, bis es wegen mangelnder Kraft von allein zerfällt.

Wenn ich merke, dass ich Störgefühle habe und versuche, sie gehen zu lassen, dann spüre ich zur selben Zeit, dass ich mich dagegen sträube. Woher kommt das?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Das ist genau der Einfluss des Egos, deswegen braucht man Weisheit. Das Ego ist betörend und gewohnheitsbildend, genau wie alle anderen Gifte. Nach ein paar Jahren Meditation ist es leicht, sich über das Ego lustig zu machen. Vorher fällt das nicht ganz so leicht. Ich vergleiche das Ego bzw. die Eigenschaften im Geist, die so stark gefühlsmäßig beladen sind, dass sie alles steuern wollen, gerne mit einem Putsch in einer Bananenrepublik. Ein paar Herren mit Schnurrbart und hohen Mützen kommen herein, erschießen ein paar Leute und beherrschen das Land.

Ich sehe den Geist in seiner Fülle als ein leuchtendes Juwel mit ganz vielen verschiedenen Seiten und Eigenschaften. Einige dieser Facetten, wie z. B. Erinnerung, Stolz, Erwartung, Hoffnung und Furcht, sind stark gefühlsmäßig aufgeladen. Die versuchen dann, den Rest des Geistes, beispielsweise seine Fähigkeiten zum mathematischen und politischen Denken, künstlerischen Schaffen und all seine anderen interessanten Begabungen, unter ihre Kontrolle zu bringen. Und zwar so, dass diese dicken Herren irgendwie bestätigt werden. Es geht also darum, die dicken Herren runterzukriegen vom Pferd. Richtig und ordentlich und auf Dauer vom Pferd runterzukriegen. Darum geht es.
Wenn das gelingt, ist man spontan und mühelos. Dann leuchtet das Juwel in all seinen Facetten. Das Juwel strahlt so, weil es Weisheit an sich ist. Ohne Filter und Hindernisse kann es künstlerisch betrachten, fühlen oder verstehen. Je nachdem, welche Eigenschaft gerade gefordert ist, sie kann ungehindert nach vorn kommen.
Diese Herren, die versuchen, das System zu steuern, entfernen wir mit allen Mitteln. Mit Weisheit, mit Freude, mit allem Möglichen angreifen, bis der Geist sich selbst vertraut, so dass er ohne Hoffnung und Furcht in seiner Mitte, einfach im Augenblick selbst sein kann.

Man beginnt damit, dass man neurotisches Verhalten abschafft. Das ist die erste Ebene des Kleinen Weges. Hat man sich aus den Neurosen befreit, entstehen Mitgefühl und Weisheit auf der Ebene des Großen Weges. Wenn man damit weitergegangen ist und Überschuss erzielt hat, ist man auf der letzten Ebene des Diamantweges angekommen. Am Ende ist man im Hier und Jetzt, hat alle Antennen in alle Richtungen ausgestreckt, Furchtlosigkeit, Freude und Liebe sind selbstentstanden und brauchen keine andere, äußere Ursache mehr.

Wie wird man sein Ego los?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Du trickst dieses Ding mit seinen eigenen Mitteln aus. Buddhismus ist ein langer Weg des Ego-Austricksens.
Du musst die Energien des Ichs – dieses illusorischen, dieses nicht vorhandenen Ichs – verwenden, um dahin zu kommen, wo es nicht ist. Du verwendest also diese Idee von einem Selbst, um die Schleier zu reinigen, bis du dann dahin kommst, wo keine Vorstellung von einem Ich mehr vorhanden ist.

Das Ego ist stark, aber es ist auch dumm. In der Geschichte der Karma Kagyü Linie des Buddhismus gibt es ein paar große Lehrer, die direkt gegen das Ego gearbeitet haben. Sehr bekannt ist die Geschichte von Marpa und Milarepa – das war noch die richtig harte Schule. Meistens muss man den Leuten zuerst etwas Süßes geben. Das Ego denkt dann “Ah, ich bin nicht nur ein guter Kerl, jetzt werde ich auch noch spirituell.” Dieses gute Gefühl hält man dann, solange wie möglich.

Danach entdeckt das Ego langsam, dass es viel Brot und Kartoffeln bekommt, aber wenig Fleisch und Gemüse. Man gehört jetzt einer feinen Familie an. Vor allem mit mir als Lehrer ist klar, dass ich “eine steife Oberlippe” und guten Stil mag, aber Dramen und Schwächen nicht so gerne sehe. Plötzlich kann das Ego gar nicht mehr all die Spiele machen, die es früher gespielt hat. Es kann sich nicht mehr durch mächtige Gefühle  wie “Ich hasse ihn!”, “Ich bin der Beste.”, “Ich bin der Schlimmste.” usw. aufbauen. Dann geht es dem Ego nicht gut, und das mag es nicht. Daraufhin versucht es, sich mit allen Mitteln zu schützen. Zum Beispiel projiziert es Gefühle oder einen Rücken, der weh tut, oder Gedanken, wie “Es wird  immer schlimmer mit mir !” – was gar nicht wahr ist, man kann nur plötzlich sehen, wie man immer schon war. In dieser schwierigen Situation wirft man dem Ego noch einen Köder, ein Stück Fleisch hin, z.B. die Bodhisattva-Einstellung. Man sagt ihm: “Jetzt bist du derjenige, der allen Wesen hilft.” Zuerst denkt das Ego, man hätte bemerkt, wie gut es ist und was es alles kann, aber tatsächlich ist die Bodhisattva-Einstellung totales Gift für das Ego. Erstens muss man die ganze Zeit an andere denken, wodurch man keine Zeit mehr hat, an sich zu denken, und zweitens bekommt man immer diese Belehrungen über die Leerheit, die besagen, dass es einen gar nicht gibt.

Das ist richtig schlimm für das Ego. Bis dahin ist es schon so geschwächt worden, dass es nur noch einen Platz hat, wo es sich verschanzen kann. Das ist der Moment, wo es anfängt zu sehen, was die anderen falsch machen. Es hat schon aufgegeben sich selbst zu schützen, denn es weiß, dass eigentlich alles eine Illusion ist. Jetzt versucht es, die Fehler der anderen zu finden: "Er tut das und sie sagt das." usw. Wie erobern wir diese allerletzte Bastion? Wodurch wird das Ego schwarz, fängt an zu qualmen und ist erledigt? Durch die reine Sicht! Zuletzt sagt man: “Sogar dein Zweifel ist deine Buddhanatur. Sogar deine bösesten Gedanken sind spontane Weisheit. Dein größtes Problem ist dein bester Weg.”  Dann hat man es geschafft.