Tag Archive for “Erfahrungsebene halten”

“Wie kann man die einmal erreichte Erfahrungsebene halten?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Auf der Ebene von Ursache und Wirkung entscheiden wir einfach,  nicht mehr zu töten, nicht sexuell zu missbrauchen, nicht zu stehlen, nicht zu lügen, sich nicht dumm zu berauschen, usw. Wir entdecken also, wo wir früher Fehler gemacht haben und sagen uns: „Das mache ich nicht mehr.’’

Auf der zweiten Ebene, die eher psychologisch ist, geht es um die störenden Gefühle. Hier versuchen wir unseren Zorn, unsere Anhaftung, Eifersucht, Stolz und Verwirrung abzubauen und sehen, dass diese Gefühle keinem Nutzen bringen, sondern viel kaputtmachen.

Auf der dritten Ebene geht es um die Einsicht. Es geht darum, dass man weiß, dass eine höhere Freudenebene gleich einer höheren Wahrheitsebene ist, und dass Erleuchtung die volle Entfaltung des Geistes ist.  Dies ist ein runder, in sich ruhender Zustand und jenseits von Hoffnung oder Furcht. Wir können diesen Zustand jedoch nicht greifen oder machen, sondern nur den Raum geben, damit es geschehen kann.

Hierzu gibt es einen guten Witz: Erleuchtung ist, wie eine schöne Frau kennen zu lernen. Läuft man ihr nach, holt sie die Polizei. Also parkt man seinen Porsche vor ihrer Tür, legt sein Scheckheft oben drauf und wartet, bis sie kommt….
Wir können also die äußeren Bedingungen für Erleuchtung schaffen, ergreifen können wir sie aber nicht.

“Wenn ich bei einem Kurs war, fühle ich mich wie aufgeladen, zuhause falle ich dann wieder runter. Wie kann ich das vermeiden?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Das ist ganz natürlich. Eine Wellenbewegung in der Entwicklung erlebt wohl jeder. Wenn es einem gut geht und die guten Eindrücke verbrauchen sich, dann kommen vielleicht unangenehme Eindrücke hoch usw. Aber dann musst du auf den Spiegel selbst schauen anstatt auf seine Bilder, Dich mit dem identifizieren, das bewusst ist und nicht mit dem Auf-und-Nieder.

Wenn du regelmäßig meditierst, wird allmählich das, was zwischen und hinter den Gedanken ist, was die Gedanken erfährt und sie versteht, immer leuchtender, klarer, kraftvoller und am Ende verlierst du es nicht mehr.
Wenn du diese Frische und Aha-Erfahrung ständig in dir hast und alles knistert vor Bedeutung kannst du nicht mehr leiden. Es ist nur eine Frage der Zeit. Jedes Mantra, was du sprichst, jedes Mal, wenn du mit Karmapa in der Meditation verschmilzt, und es gibt nur noch Bewusstsein, wenn du anschließend wieder entstehst und alles ist frisch und neu – immer entfernst und säuberst du alle möglichen Störungen.

Eines Tages stehst du da und denkst: „Früher wäre ich hier verwirrt und unglücklich gewesen’’, aber du bist es nicht mehr. Das ist Reinigung! Alles Angenehme ist ein Segen, alles Unangenehme ist eine Reinigung auf dem Weg. Es ist wichtig zu wissen, dass wenn wir Leiden und Schwierigkeiten erleben, nicht neue schwierige Eindrücke auf uns zukommen, sondern sich unser Geist von alten Eindrücken befreit.

Wenn man diese alten verwirrten Eindrücke mit einem Zoo vergleicht, dann könnte man sagen, wir sehen die Hintern von den Tieren beim Rausgehen, und nicht ihr Gesicht. Wir werden etwas los. Es ist eine Loslösung von Eindrücken in unserem Geist, die sonst später als echte Probleme und Leiden auf uns zugekommen wären. Dann hat es mehr Sinn und man fühlt sich besser dabei.

“Obwohl ich schon oft gedacht habe, etwas wirklich verstanden zu haben, ist es mir selten gelungen, das in die Praxis umzusetzen. Kannst du dazu einen Rat geben?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Wenn Du in jeder Lage Dein Bestes tust, kannst Du nicht falsch liegen. Hast Du z.B. entdeckt, daß Du besser die Treppe hoch läufst, wenn Du nicht rauchst, dann sagst Du Dir einfach: „Jetzt rauche ich nicht mehr!“. Kommt dann vielleicht nächste Woche ein Freund mit einer Zigarette vorbei, sie riecht so gut und Du nimmst einen Zug, dann sagst Du Dir wieder: „Aber eigentlich rauche ich nicht, es tut mir nicht gut!“ und so entwickelst Du Dich Schritt für Schritt von dieser Gewohnheit weg.

Wirst Du leicht sauer über irgendetwas, erinnerst Du Dich im selben Augenblick oder kurz danach: „Jedesmal wenn ich sauer werde, bekomme ich anschließend Schwierigkeiten und das will ich nicht!“ oder Du denkst: „Zum Glück bin ich nur zehn Minuten mit ihm zusammen, er muss sich selbst 24 Stunden am Tag aushalten; der Arme!“.

“Wenn man einmal erleuchtet ist, bleibt man das dann oder muß man es sich immer wieder neu erarbeiten?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Sind Befreiung oder Erleuchtung einmal erreicht, gibt es von da an kein Zurückfallen mehr. Befreiung ist der erste Schritt. Es ist ein Zustand, in dem man erfährt, dass man weder der Körper ist, der alt wird, krank wird und irgendwann stirbt, noch die Gedanken und Gefühle, die ständig kommen und gehen. Auf dieser Ebene weiß man, dass man nicht dies oder jenes ist und erlebt sich daher auch nicht mehr als Zielscheibe. Man kann nicht wieder herausfallen, weil es keine Idee mehr von einem Selbst oder Ich gibt. Subjekt, Objekt und Tat verschmelzen zu einer Einheit und Erleber, Erlebtes und das Erlebnis ergänzen sich vollkommen. Bereits von dieser Ebene aus gibt es kein Herausfallen mehr.

Von dieser Ebene der Absicherung aus geht es weiter zur vollen Erleuchtung. Während man auf der Ebene der Befreiung alle störenden Gefühle vollkommen gereinigt hat, so fallen bei der Erleuchtung selbst die feinsten Schleier der festen Vorstellungen, Konzepte und Ideen weg und man erlebt, was wirklich ist: die Natur des Geistes, zeitlos und überall. Man ist das Meer und sieht das Kommen und Gehen der Wellen als das freie Spiel des Meeres und nicht davon verschieden. In diesem Zustand, jenseits von Extremen und Ideen von Materialismus, Nihilismus, Existentialismus, usw., wo einen nichts mehr stören kann und es kein Leid gibt, ist man wie eine Tasse Kaffee, die nicht mehr geschüttelt wird, zur Ruhe kommt und alles wiederspiegelt. Da zeigen sich spontan alle Fähigkeiten, Eigenschaften und Kräfte in einem.

Hier erfährt man seinen Geist als Klares Licht, man ist wie ein Mann, der auf einer Bergspitze steht und einen 360° Rundumblick hat. Gleichzeitig ist man sich bewusst, welchen Weg man selbst hochgegangen ist auf diesen Berg und man kann denjenigen helfen, mit denen man eine Verbindung hat.
Der Zustand von Befreiung und Erleuchtung ist nicht zu vergleichen mit anderen Ebenen, wie Götter oder Halbgötterbereiche, wo man über unvorstellbar lange Zeiträume Angenehmes erlebt, jedoch wieder herausfällt, wenn die guten Eindrücke, die zu dieser Wiedergeburt führten, verbraucht sind.

Auf diesen Ebenen gibt es noch eine Idee von einem Selbst, einem Ich oder Person, einer Seele oder Atman.
Erleuchtung ist wirklich eine große Sache, es ist ein dauerhafter Zustand, der niemals mehr vergeht.

“Wie kann man schlechte Gewohnheiten loswerden?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Zum einen müssen auf allen Ebenen die drei Pfeiler vorhanden sein. Der erste Pfeiler heißt „Wissen“. Man muss wissen, wie die Lage ist und wohin man will. Der zweite Pfeiler heißt „Meditation“. Den Raum schaffen, so dass der Geist seine Strahlkraft hervorbringen kann, und das wegsickern kann, was nicht gebraucht wird. Der dritte Pfeiler heißt „Absichern“. Man entscheidet, den Fehler nicht wieder zu machen, egal was geschieht.

Zum anderen kann man seinen Geist checken, in derselben Weise, in der man im Vorbeigehen Wasser daran erkennt, dass Enten darauf schwimmen, auch wenn man das Wasser nicht sieht. Man kann anhand bestimmter Gefühle und Tendenzen seinen Geist beobachten und daran feststellen, wie weit man schon ist, wie sehr der Geist noch an diesen oder jenen Vorstellungen haftet oder wieviel Freiraum schon da ist.