Tag Archive for “Grenzerfahrungen”

Ich habe bisher viel Spaß an riskanten Aktionen gehabt, aber nach mehreren Unfällen bin ich jetzt unsicher, ob ich so weitermachen soll oder mich lieber etwas zurückhalten.

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Im Buddhismus gibt es den Ausdruck "kostbarer Menschenkörper". Ein kostbarer Menschenkörper ist ein Körper, der es uns ermöglicht, uns zu entwickeln, zu lernen und zu erleben.
Ich rate deshalb, zunächst innerhalb der eigenen Grenzen zu bleiben. Dann, wenn der Himmel ganz flott und blau aussieht, kann man zum Beispiel einen Tandemsprung riskieren. Hier hat man den Trainer auf dem Rücken, der für einen die Leine zieht, so dass nichts passiert. Den Adrenalin-Flash dabei darf man sich ab und zu gönnen.

Trotz allem sollte man aufpassen, was man tut, denn es ist besser, fröhlich herumspringen zu können als vom Rollstuhl aus zu meditieren. Meine Ratschläge sind allerdings etwas konservativer als mein Verhalten, muss ich zugeben. Ein paar Tage im Jahr setze ich mich auf ein schnelles Motorrad und fahre mit ein paar Freunden mit, die viel mehr Übung haben, da sie das halbe Jahre fahren, und die noch dazu ausgeschlafen und ohne Jet-Lag sind. Oder ich springe Fallschirm oder Bungee. Obwohl ich immer überzeugt bin, dass ich das Motorrad bzw. die Situation beherrsche, gibt es Augenblicke, in denen ich ins Schleudern komme und die wirklich gefährlich sind.

Einmal bin ich mit einer sehr schweren Vierzylinder-BMW auf nasser Straße bei hoher Geschwindigkeit stark ins Schleudern gekommen, und plötzlich habe ich mich gefühlt, als würde ich von tausend Armen gehalten und ich war wieder auf der Spur. Allein hätte ich diese schwere Maschine niemals halten können. Da haben die Buddhas das Motorrad mehr als ich beherrscht. Ich weiß immer, es geht gut und ich habe Vertrauen in den Raum. Ich bin froh, wenn so etwas passiert, aber gleichzeitig ist es auch peinlich.

Ab und zu über die Grenzen gehen ist sicher sinnvoll, aber wie vermeidet man, dass man mal wirklich zu weit geht?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Mein Rat ist, den gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Schritt für Schritt kann man weiter gehen und dabei immer mehr für die anderen tun. Man sollte bei Gelegenheit immer wieder über die eigenen Grenzen gehen, denn das schafft mehr Raum und ist sehr freudvoll. Dabei sollte man aber die nötige Vorsicht nicht vergessen.

Ändert sich die Motivation, das heißt, sobald man weitgehend oder vollständig nur für die anderen arbeitet, dann denken die Buddhas an einen und man wird beschützt. Man tut alles für die anderen, und die anderen tun alles für einen selbst.
Ich denke einfach nicht mehr darüber nach, ob etwas gefährlich ist, denn wenn man einfach im offenen Raum arbeitet und das tut, was der Augenblick erfordert, dann schillert alles, alles ist voll Freude und geschieht hier und jetzt.

Stimmt es, dass man mehr Kraft bekommt, wenn man immer wieder über seine Grenzen geht?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ein Bodybuilder würde sagen, dass die gewohnte Anzahl an Klimmzügen dazu dient, die vorhandene Muskelmasse zu erhalten, und dass nur die Klimmzüge, die am Ende des Trainings weh tun und schwer fallen, die Muskeln wachsen lassen.

Dort, wo man über seine Grenzen geht, entsteht neuer Raum und mehr Freiheit. Das Leben lässt sich mit einem Gummiband vergleichen: Wird dieses Gummiband nie gedehnt, wird es irgendwann porös und bricht. Dehnt man es aber immer wieder, macht sozusagen kleine Harmonikaübungen damit, dann bleibt es geschmeidig. Das heißt also, wenn man alte Gewohnheiten aufgibt und immer wieder etwas weiter geht als zuvor – und tut man dies vor allem mit Vertrauen in den Raum und in die eigenen Möglichkeiten und nicht in einer Fluchtreaktion -, dann spannt man dieses Gummiband, und es bleibt stets frisch, so dass Neues entstehen kann.

Wenn man beim Motorradfahren so an die Grenzen geht, kann man das nicht auch mit Leichtsinnigkeit verwechseln?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Es ist doch so: wenn man aus der Kurve fliegt, war man zu schnell, und wenn man nicht aus der Kurve fliegt, dann war man zu langsam. Es gibt diesen feinen Grat dazwischen, je nach Geschmack und Bereifung. Ist es also ein natürlicher Ausdruck der Ganzheit zwischen Maschine, Straße und Fahrer, dann läuft alles von selbst.
Man sollte aber die Finger davon lassen, wenn man nicht in seiner Mitte ist. Also versucht nicht, hitzköpfig irgend etwas beweisen zu wollen, denn das geht immer schief und ist wirklich leichtsinnig.

Hast du beim Fallschirmspringen überhaupt keine Angst mehr ?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Wenn man die Leerheit des Geistes verstanden hat, so wird man furchtlos. Leerheit und Furchtlosigkeit sind untrennbar. Diese Erfahrung tatsächlich machen und überprüfen zu können, hat mir wirklich gut getan. Sie bestätigt, dass ich nicht nur irgend etwas dahinsage und oberflächlich bleibe. Ich habe es ausprobiert, und es stimmt.
Hat man diese Erfahrung erst einmal gemacht, so kann man sich von einer Menge überflüssiger Dinge trennen, das heißt viele Vorstellungen und Konzepte werden Makulatur, man braucht sie nicht mehr. Das ist das Wichtigste dabei.

Du sagst ja immer ,,der Erleber ist spannender als die spannendsten Erlebnisse”. Wie kommt man dahin, diese Erfahrung selbst zu machen?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Du machst sie in den Augenblicken, in denen Subjekt, Objekt und Tat eins sind, das heißt, wenn es keine Trennung zwischen dem Erleber, dem, was erlebt wird, und dem Erleben gibt. Einen Geschmack dieser Erfahrung hast Du zum Beispiel, wenn Du beim Orgasmus ganz mit Deinem Partner verschmilzt oder im freien Fall beim Fallschirmspringen. Auch, wenn man ganz in Ruhe sitzt, das Kommen und Gehen der Gedanken beobachtet und dabei den Raum zwischen den Gedanken wahrnimmt. Ihr kennt sicher auch die Situationen, wo man an nichts denkt, weil man vollkommen mit etwas beschäftigt ist, sozusagen ganz in einer Sache drin ist.

Diese Erfahrung ist aber noch kein Dauerzustand, sondern vielleicht mit Schleiern und viel Raum verbunden; dennoch ist es möglich, viele solcher spannenden Erfahrungszustände zu erleben.
Letztendlich ist der Erleber selbst aber stärker als jede Erfahrung. Ich bin noch lange nicht erleuchtet, doch für mich ist schon jeder Tag spannender als der zuvor. Wenn Ihr Euch sehen könntet, wie ich Euch wahrnehme, so würdet Ihr alle einen riesigen Spiegel mit nach Hause nehmen und Euch davor setzen. Ihr alle seid klug, Ihr seid unglaublich schön – aber Ihr nehmt es noch nicht wahr. Doch nach einiger Zeit der Praxis geht es steil nach oben, und die Erfahrungen werden fantastisch.

Bei mir ist es so: der alte Ole ist noch im Hinterkopf da, so ein 16jähriger Lausbub, der, wenn ganz viele Schuhe vor der Tür stehen, daran denkt, sie an den Schnürsenkeln zusammenzubinden. Allerdings arbeite ich mittlerweile die ganze Zeit für die anderen, und meistens gibt es zuviel Arbeit. Aber die Freude, die ebenfalls da ist, ist riesengroß. Freude und Raum werden immer größer. Diese Erfahrung könnt Ihr alle erreichen.
Der einzige Unterschied zwischen uns und Buddha ist, dass er mehr meditiert hat als wir. Wir alle sind klares Licht und haben die Buddhanatur, und jeder ist fähig, sie zu erkennen.