Tag Archive for “Rohstoff fuer Erleuchtung”

“Was kann man dagegen tun, dass man immer wieder in die alten Gewohnheiten zurückfällt?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Der Geist ist wie ein Riesenpudding: Wenn man auf die eine Seite des Puddings schlägt, dauert es eine Weile, bis die andere Seiten zu wackeln anfängt. Die Eindrücke, die man im Geist speichert, brauchen einige Zeit, bis sie wieder herauskommen. Aber man kann von Anfang an diese Vorgänge beobachten und dabei die Einstellung üben, mit der eigenen Weisheit den anderen Wesen nutzen und helfen zu wollen. Und man kann den anderen helfen, während man sich selber hilft.

Bei allem, was geschieht, kann man sich klar machen: So etwas geschieht mit allen Wesen; ich will den Dingen auf den Grund gehen und meine Einsicht zum Besten anderer einsetzen. So kann das größte eigene Problem zur größten eigenen Kraft werden.
Wer an sich selber denkt, hat Probleme, wer an andere denkt, hat Aufgaben. So einfach ist das! Wer stets zum Besten aller Wesen handelt, kann immer mehr und mehr tun.

Wie kann ich etwas Schönes darin sehen, Mutter zu sein? Ich habe ein Baby und kann seit acht Monaten nicht mehr richtig schlafen. Ich bin total erschöpft und das Kind ist oft krank. Ich möchte ihm Liebe geben, aber ich bin so erschöpft, dass ich Angst habe, umzufallen.

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ich arbeite auch die ganze Zeit bis an meine Grenzen. Oft komme ich an einem Ort an, sehe alle meine Freunde und will wahnsinnig gerne mit ihnen reden, aber ich weiß, wenn ich mich nicht erst eine Stunde hinlege, dann wird es sehr langweilig, weil ich vor Müdigkeit immer wieder dasselbe erzähle. Aber es gibt die Möglichkeit, den Schmerz als Energiequelle zu nutzen. Ich habe schon mehrmals einen Vortrag oder etwas anderes nur durchgestanden, weil ich den Schmerz als Antriebskraft hatte. Ich erinnere mich, dass ich einmal einen Vortrag lang ausgedehnt habe, weil die Polizei draußen stand und mit mir über das Auto reden wollte, mit dem ich gekommen war. Und da sie nicht den Vortrag unterbrechen wollten, habe ich ihn immer weiter ausgedehnt, bis sie wieder gegangen sind. Ich war so müde, dass mir die Augen zugefallen sind. Aber meine Stiefel waren zu klein, dieser Schmerz hat mich durchhalten lassen. Ich glaube, es war der Schauspieler Laurence Olivier, der empfohlen hat, immer einen Stein im Schuh zu tragen, wenn man etwas lernen sollte. Dieser schmerzhafte Druck war für ihn ein roter Faden, eine Ebene, aus der er Kraft schöpfen konnte. Wenn dir die Augen wehtun, dann sei dir deiner Augen bewusst und ziehe diese Kraft des Schmerzes aus den Augen heraus. Tut der Rücken weg, dann sei dir deines Rückens bewusst und benutze ihn als Energiequelle. Am besten nimmst du deine Mutterliebe als Kraftquelle. Das machen ja 2 Milliarden Mütter auf der ganzen Welt jetzt im Augenblick genauso. Versuche, die Kraft aus deiner Mutterliebe, aus der Erfahrung und dem Erlebnis zu ziehen. Nimm immer das, was am stärksten ist und hol dir daraus deine Energie. Was auch an Gedanken kommt, setze es ein und nutze es. Bereichere dich durch deine Erfahrungen, gehe von einer reichen Perspektive aus, nicht von einer armen. Wir schaffen unser Leben selbst, wir selbst bestimmen, was geschieht. Geht den Weg der Identifikation, er ist der schnellste und direkteste Weg. Vermeidet auf der äußeren Ebene alles, was zu schwierigen Träumen und Erlebnissen führt, vermeidet wirkliche Feindschaften und große Probleme, indem ihr euch z.B. niemals viel Geld ausleiht. Auf der inneren Ebene heißt es dann, Mitgefühl und Weisheit zu entwickeln. Mitgefühl bedeutet, soviel an andere denken, dass man keine Zeit mehr für sich selber hat, und dass man auch den Wunsch aller Wesen nach Glück wirklich erkennt und erlebt. Weisheit bedeutet, die Sachen nicht mehr persönlich zu nehmen: Sich klar zu werden, dass so etwas mit allen geschieht, dass alle irgendwann diese Erfahrungen machen. Und auf der höchsten Ebene identifiziert man sich mit den Buddhas. Genauso funktionieren unsere Meditationen. Nach einer zwanzigminütigen Meditation ist ja nicht mehr alles so wie vorher. Wenn man aus der Meditation kommt, geht man in eine reine Welt, alle sind Buddhas, ob sie es wissen oder nicht. Alles ist der Natur nach rein, alles hat alle Fähigkeiten und Möglichkeiten. Es ist wichtig, alles von einer Ebene des Überschusses aus zu erleben. Und das bedeutet, dass man sich so sehr wie nur möglich wie ein Buddha verhält, dass man nicht einfach nur meditiert und das war’s dann. Auch nach der Meditation ist der Partner noch zu dick, bellt der Hund immer noch, benehmen sich die Kinder immer noch unmöglich, ist der Chef immer noch nicht zum Aushalten. Aber man erlebt es anders. Es ist wichtig, dass man eine reine Ebene erlebt, wenn man aus der Meditation rausgeht.

“Ich erlebe meine körperlichen Bedürfnisse ganz stark als Anhaftung und als richtig unangenehm. Wie kann ich damit umgehen?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Wir sind alle Laien und Yogis geworden, weil wir wissen, dass die Störgefühle eigentlich der Rohstoff zur Erleuchtung sind. Das unterscheidet uns von der Hinayana- oder Theravada-Ebene der Mönchen und Nonnen. Das Gute ist, dass man sich dem Buddha gegenüber mit allem öffnen kann, z.B. auch mit unserer Sexualität. Der Buddha sagt, der Körper ist ein Tempel mit 72.000 Lichtkanälen, die weiblichen Teile sind eine Lotusblüte, die männlichen Teile ein Diamant. Alles, was erlebt wird, wird als rein, als sinnvoll und voller Weisheit und Bedeutung angesehen. Und wenn wir uns rein fühlen, können wir uns dem Buddha gegenüber öffnen und von ihm lernen, wir können mit den Energien arbeiten. In allem was geschieht, in jedem Augenblick, ist Reinheit, Spannung und Frische. Es ist ein echtes Hindernis, wenn man körperfeindlich erzogen wurde und alles unter der Gürtellinie als schlecht ansieht. Oft ist es die katholische Erziehung: Meiner Meinung nach gehören ganz viele Katholiken in die Therapie, um wieder ein einigermaßen gesundes Verhältnis zu ihrem Körper zu bekommen. Es ist wichtig, sich dem Buddha auch mit seinen Begierden und Gefühlen voll und ganz zu öffnen, damit man ihn darum bitten kann, einem die Hand zu reichen. Vor allem, wenn es um die Liebe geht. Frauen sind da ja wacher als die Männer, sie wissen auch viel besser, wie wichtig die Liebe ist. Wenn ein Mann zu einer Frau geht, soll er sich öffnen, um ihre Weisheit zu erfahren und um zu verstehen, wie wichtig Liebe und wie bedeutend Offenheit ist.

“Vorher war ich eigentlich ein ruhiger Typ, aber seit ich meditiere, kommen alle möglichen seltsamen Gefühle hoch. Was bedeutet das?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Denke immer, dass alles, was du auch erfährst, zum Besten aller Wesen ist. Dann ist es auch auf jeden Fall nützlich. Es gibt Leute, die haben dreimal so viele Gedanken wie du. Indem du aber lernst, wie der Verkehr läuft, kannst du ihnen helfen. Als mein Schüler kannst du dir immer sagen: „Alles Angenehme ist ein Segen! Alles Schwierige ist eine Reinigung und Befreiung und hilft mir, anderen zu helfen!“ Damit liegst Du immer richtig. Mach dir auch klar, dass das Problem früher nicht da war, dass es sich jetzt ständig verändert und dass es sich später wieder auflösen wird. Dann kannst Du es mit Abstand betrachten und Mitgefühl für diejenigen entwickeln, die so etwas ernst nehmen.

“Was gibt es für Gegenmittel gegen die Störgefühle?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Wenn Zorn das größte Problem ist, sollten wir uns wirklich immer wieder zwingen, allen Wesen alles Gute zu wünschen und Mitgefühl zu entwickeln. Wenn Begierde am stärksten ist, sollten wir immer wieder darüber nachdenken, dass alles vergänglich ist, dass wir nichts mitnehmen können, und dass wir statt dessen alle Wesen an der Freude teilhaben lassen sollten, die wir selbst erleben. Und wenn die Verwirrung am stärksten ist, dann sollten wir in dem ruhen, was ist, und jenseits von Begriffen in die Mitte hineingehen. Wenn Stolz am stärksten ist, dann sollten wir wirklich sehen, wie alles bedingt ist und wieder auseinander fällt. Und ist Eifersucht am stärksten, dann sollten wir die Erfahrung wirklich durchziehen und sehen, dass es tatsächlich wie ein Strom von Bewusstsein ist, wie ein Strom Wasser im Meer.

“Wie kann man sich dazu bringen, nicht in jedes Störgefühl reinzuspringen und es auszuleben, sondern es sinnvoll zu nutzen?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Dazu fallen mir immer wieder neue Ideen ein. Momentan erscheint es mir am sinnvollsten, die Störgefühle als halbfertige Produkte zu betrachten. Was noch brennt oder noch schmutzig ist oder daneben gegangen ist, das holt man nicht aus dem Ofen, sondern wartet auf das fertig geschliffene und verchromte Produkt.

Genau so macht man es mit den Störgefühlen: Man wird sich bewusst, dass Zorn die Vorstufe zum Erlebnis von spiegelgleicher Weisheit ist. Warum sollte man auf dieses strahlende Erlebnis verzichten und den Zorn erleben? Das wäre ja dumm. Man wartet lieber, bis die Beeren reif sind, sonst bekommt man Magenschmerzen davon. Wenn man wirklich weiß, dass jedes Störgefühl die Vorstufe zu einem erleuchteten Zustand ist, dann wartet man einfach, bis die Früchte reif sind und pflückt sie nicht vorher.
Wenn man also zornig ist, dann weiß man, sobald das vorbei ist, bin ich total schlau, darauf warte ich jetzt. Und wenn man stolz ist, dann weiß man, ganz bald sehe ich die Welt als sehr reich. Und man handelt nicht zornig oder stolz.

Wenn die Anhaftung sehr stark ist, dann weiß man, ganz bald kann ich alles sehr klar unterscheiden, ich verderbe das nicht, indem ich jetzt handele. Oder wenn man eifersüchtig ist, dann weiß man, ganz bald kann ich viele Verbindungen in die Vergangenheit und Zukunft erkennen, ich werde jetzt nicht dem Gefühl nachgeben und eine Szene machen.
Und wenn man sich dumm vorkommt, dann sollte man das nicht zu ernst nehmen und denken „Ich lerne niemals etwas!“, sondern man wartet, bis sich die Wolken der Verwirrung wieder auflösen, sitzt da und strahlt stärker als jemals zuvor.

Auf diese Weise ergänzt sich alles, und es gibt viel Entwicklung. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass jedes störende Gefühl in seinem wahren Wesen eine Weisheit ist, und man wartet, bis sie sich zeigt.

“Wie drückt sich die spiegelgleiche Weisheit im alltäglichen Leben aus?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Darin, dass man cool bleibt. Man ruht in seiner Mitte und sieht, wie die Welten entstehen und sich wieder auflösen. „Fool on the hill“, wie Paul McCartney das gesungen hat. Man weiß, dass man sich nicht einzumischen braucht: Die Dinge kommen und die Dinge gehen, früher gab es sie nicht, und später wird es sie auch nicht mehr geben. Aber zur selben Zeit ist man völlig klar und bewusst und weiß, was abgeht. Und man ist natürlich bereit, seine Erfahrung mit anderen zu teilen und sie weiterzugeben. Für die spiegelähnliche Weisheit gilt heute vor allem: Cool sein.

“Kannst du erklären, wie sich die Störgefühle in die Buddhaweisheiten umwandeln und was sie bedeuten?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Es kommt bei der Betrachtung der Störgefühle sehr stark auf die Sichtweise an. Aus der Perspektive des Adlers ist alles Weisheit, aus der Perspektive des Maulwurfs ist alles Störgefühl. Da nur wenige die Adlerperspektive nutzen, erleben sie Zorn, Eifersucht usw. Aber wenn man nicht auf diese Gefühle eingeht, wenn man sie im Geist entstehen und sich dort auch wieder auflösen lässt, dann entsteht eine ganz neue Dimension, eine ganz neue Erfahrung, so wie Kohlestaub zu Diamanten umgewandelt werden kann.

Wenn sich Zorn wieder auflöst, entsteht die spiegelgleiche Weisheit. Wie ein Spiegel, der alles zeigt, was ist. Man sieht die Dinge und erkennt sie als das, was sie sind. Man fügt nichts hinzu und nimmt nichts weg. Diese Fähigkeit, klar zu sehen, wird auch mit der Klarheit eines Diamanten verglichen.
Bei Stolz hat man einerseits die Möglichkeit, den engen „Ich bin besser als ihr!“-Stolz in den großen „Wir sind alle toll!“-Stolz umzuwandeln. Und andererseits, wenn sich der Stolz im Geist wieder auflöst, dann kann man plötzlich erkennen, dass alles aus ganz vielen Bedingungen zusammengesetzt ist. Nichts entsteht aus sich heraus, alles hängt voneinander ab. Das wird die Weisheit der Wesensgleichheit genannt, denn dadurch bekommt alles denselben Geschmack des Reichtums, wie Juwelen, die aus sich heraus strahlen.

Wenn sich Begierde im Geist wieder auflöst, dann entsteht die unterscheidende Weisheit, also die Fähigkeit, zu unterscheiden. Man kann dann die Dinge einzeln sehen und auch als Teil eines Ganzen. Das ist eine sehr weibliche Weisheit, die Weisheit einer Mutter, die immer weiß, was die Kleinen vorhaben.
Aus der Eifersucht entsteht wiederum Erfahrungsweisheit, die Fähigkeit zu erkennen, welche Ursachen zu welchen Wirkungen geführt haben.

Und schließlich kann man auch die Unwissenheit selbst in Weisheit umwandeln, in die „Alles durchdringende Weisheit“. Erst sitzt man noch da und versteht überhaupt nichts, und dann plötzlich verschwinden diese Schleier durch ein Loch im Erdboden oder wie Wolken, die sich auflösen. Man wird fähig, die Geschehnisse zu durchdringen, nicht nur mit Augen und Ohren, sondern vollständig. Man weiß, wer anruft, wenn es klingelt, man denkt an einen Freund und im Briefkasten ist ein Brief von ihm.

“Was bedeutet das, wenn man sagt, Störgefühle seien Rohstoff für die Erleuchtung?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Im Christentum sind Störgefühle Sünde und in anderen Religionen werden sie auch negativ bewertet. Im Diamantweg-Buddhismus geht man aber davon aus, dass die Störgefühle auf dem Weg zu Befreiung und Erleuchtung Rohstoff sind.

Du ziehst die Energie und die Kraft aus den Störgefühlen und machst sie nützlich. Das Symbol dafür ist der Pfau: Die Tibeter sagen, dass der Pfau Gift frisst, um all die schönen Farben in seinen Federn herzustellen. Entsprechend nimmt man alle Störungen, alle Leiden und alle Schwierigkeiten, die einem innewohnen, man kehrt sie um und macht daraus Energie und Kraft. Man sieht die Störgefühle wie Biomüll: Wenn man’s richtig macht, dann kriegt man Kompost und die Samen gehen auf.
Aber es ist wichtig, dass du zunächst genug Abstand hast und die Kontrolle behältst. Dann kannst du sehen, dass das Störgefühl gar nicht so wirklich ist, dass es entsteht, sich ändert und sich wieder auflöst.

Dann gehst du einen Schritt weiter und beobachtest, wie es kommt und geht. Du bist wie ein leeres Haus, in dem es kommt und geht, ohne etwas anstellen zu können.
Die letzte Stufe ist für Westler sehr nützlich – in der tibetischen Vorstellung gibt es sie allerdings nicht. Hier fängst du die Energie des Störgefühls und nutzt sie zum Teller waschen oder für etwas anderes. Sowie du über den Berg bist, kann dich das Störgefühl nicht mehr einfangen, du reagierst nicht mehr wie früher. In dem Augenblick kannst du die Kraft davon nutzen um den Garten umzugraben. Dieses Kanalisieren der Energien ist ein ganz praktischer Rat von mir, das habe ich nicht von meinen Lehrern. Aber es ist sehr nützlich, die Störenergien als Kraft einzusetzen, um irgendwas zu erreichen.