Tag Archive for “Tun was vor der Nase liegt”

Du sagt immer, man soll tun, was vor der Nase liegt. Aber wie erkennt man denn, was vor der Nase liegt, d.h. was als nächstes anliegt?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Man versucht, sich die Dinge erstmal ohne zuviele Störungen durch feste Vorstellungen und starke Gefühle mit klaren Augen anzuschauen.

Das bedeutet, nicht mehr die ganze Zeit im Fahrstuhl auf und ab zu fahren, sondern zur Ruhe zu kommen und die Sachen unmittelbar wahrzunehmen, wie sie sind. Ein Problem kann sein, dass man zu steif wird oder Mitgefühl verliert. Dann ist man zu verschlossen und will alles kontrollieren. Wer die Sachen entspannt und offen angeht, wird wohl auch sehen, was anliegt.

Wenn nun mehrere Dinge gleichzeitig anliegen, wie befolge ich dann den Rat “Tun was vor der Nase liegt” ?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Dann tu’, was am allernächsten vor der Nase liegt! Bist du dabei einen Brief zu schreiben, dann machst du den fertig und steht dann eine Tasse Kaffee da, dann trinkst du die usw. Du beschäftigst deinen Körper weiterhin mit den Sachen, die zu tun sind, während du das andere im Geist hältst. Da ebnen sich dann die Schwierigkeiten und alles wird als reife Frucht nach und nach in deine Hände fallen.

Wichtig ist, dass du in deiner Mitte bleibst und Vertrauen zu dir selber hast. Du stehst breit da, du hast deine innere Kraft. Und dann, von dieser Ebene der Kraft aus, wirst du sehen, was für phantastische Dinge geschehen können. Kannst du die Mitte halten, kommt der Rest von selber. Läufst du von deiner Mitte weg und suchst was anderes, dann kriegst du nur Verwirrung und Schwierigkeiten.
Das ist es ja auch, was gutes Karma ausmacht: Man hat so viele gute Projektionen, dass man in dem ruht, was geschieht. Man muss nichts beweisen, nichts entschuldigen, nichts hin und herrühren.
Wenn man es zulassen kann, dann sieht man auch, welche Schwierigkeiten man sich selber macht. Wenn die Egoschranken das verhindern, dann gibt der Lama Ratschläge.

Einerseits soll man tun, was vor der Nase liegt. Andererseits ist es doch auch wichtig, langfristig zu denken, oder nicht?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Als Buddhist hast du viel bessere Möglichkeiten, zu wählen was den Wesen auf Dauer nutzt, als die meisten anderen Leute. Weil du aus einem Zustand ohne Angst und Anhaftung, frei und mit einer weiten Sicht entscheidest.

Die meisten Menschen verhalten sich ja wie die amerikanische Industrie: Die haben kaum das Geld in die Fabrik investiert, da wollen sie es schon wieder raushaben. Die Klügeren sind wie die deutsche oder japanische Industrie: Man investiert, das wächst, die Investition bleibt und am Ende bekommt man ganz viel heraus.
Mit der buddhistischen Übersicht kannst du überblicken was sich bis Sommer gut anfühlt, und was später gut sein wird, wenn du 60 bist und immer noch viel für andere tun willst.
Gerade jetzt ist für dich sehr wichtig, dass du deinen Geist in allen Zuständen und Extremen und Erlebnissen, in allem was geschieht, so gut wie möglich beobachtest und daraus lernst. Jetzt, wo du frei bist, das alles durchmachen. Später, wenn der Körper mehr fordert, dann sollst du möglichst angenehme Bedingungen haben, aus denen heraus du arbeiten kannst. Es geht nicht darum bürgerlich zu werden, sondern immer so nützlich wie möglich zu sein.
Jedes Mal, wenn du etwas durchgemacht und gelernt hast, werden die Leute zu dir kommen, die genau das lernen müssen, was du eben gelernt hast! Und wenn du das merkst, dann wirst du sogar doppelt so viel lernen und machen wollen, denn damit kannst du den Wesen besser nutzen.

Ich habe mal jemand geholfen, der verletzt war, und dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich voll konzentriert bei der Sache war und ohne Nachdenken genau das Richtige gemacht habe. Ist das eine Art höheres Bewusstsein?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ich würde sagen, dass der Zustand, in dem man auf mehreren Ebenen zugleich bewusst ist, der höchste Bewusstseinszustand ist. Wenn du in einer Situation genau das tust, was gebraucht wird, überpersönlich, ohne an Zeit zu denken, oder daran, was du dabei fühlen solltest oder ob du jetzt nicht Angst haben müsstest, dann wirst du sehen, dass all deine Kräfte und Fähigkeiten nach vorne kommen.

Dann kannst du Sachen, von denen du gar nicht wusstest, dass du sie kannst. Wer nicht mit seinem Geist arbeitet, der will immer an irgendetwas festhalten oder etwas wegschieben. Aber im Augenblick des wirklichen Seins, da tut man, was vor der Nase ist. Und erst wenn man hinterher checkt, was erfahren wurde, dann war es auch Freude und Kraft. Aber in dem Augenblick war die Tat selber das Wichtige. Das einzige, worauf man aufpassen muss bei einer spontanen, mühelosen Tat, ist, dass keine Störgefühle vorhanden sind, kein Zorn oder Widerwillen. Wenn wirklich kein Störgefühl vorhanden ist, dann wird man tun, was dem Wesen nutzt, hilft und was richtig ist. Da gibt es keinen Zweifel.