Tag Archive for “Gleichmut und Geduld”

Ich hab bemerkt, dass es einfacher für mich ist, die Sicht zu halten, wenn ich alleine arbeite oder meditiere, als wenn ich mit meinen Freunden Spaß habe und trinke oder Sport mache, weil ich danach erschöpft bin und keine Geduld mehr habe. Ich habe das Gefühl, dass ich die guten Qualitäten verliere, wenn ich Spaß habe und mit den alten Freunden zusammen bin. Ist das ein Problem?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Nein, das ist deshalb so, weil du in einem inneren Retreat bist. Das ist etwas, was ihr alle erleben werdet. Dann ist es einem ziemlich gleich, welcher Fußballclub gewonnen hat, und was sie da getragen hat oder was jeder verdient hat. Man wird nicht mehr stolz oder eifersüchtig. Eine Menge Triebkraft fällt weg. Und das ist, weil ein großer Teil von unserer Geisteskraft nach innen geht. Man ist in innerer Zurückziehung und arbeitet mit allen möglichen Sachen, man entfernt Störendes und räumt auf. Und wenn das geschafft ist, dann kommt die ganze Kraft hoch, dann erkennst du deine Möglichkeiten, und was du bist und hast, all das kommt dann hoch.
Das ist ganz natürlich für einige Zeit. Und es ist ja auch schwieriger, bei den Leuten, die man allgemein kennt, immer alles als schön und sinnvoll zu sehen. Aber man kann es so sehen, dass der Reichtum des Raumes sich so ausdrückt, dass auch etwas komische Menschen sich darin bewegen und gemischte Sachen geschehen. Es gibt das alles, es ist das freie Spiel des Raumes, es entsteht, spielt und löst sich auch wieder auf und verschwindet.

Ich habe das Problem, dass ich schnell die Geduld verliere und mir so immer wieder Ärger einhandle. Was kann ich dagegen tun?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Der Buddha sagte, dass Geduld – das Gegenteil von Zorn – zugleich das schwierigste und das schönste Kleid ist, das wir tragen können. Hierzu gab er ziemlich viele Ratschläge. Denn in den Gesellschaften der damaligen Zeit lebte man sehr eng zusammen. Zehn Menschen in einem Raum – da gab es viele Anlässe, aus der Haut zu fahren. Aber der Buddha rät uns wirklich, den Zorn loszuwerden, so gut wir können. Dafür gibt es viele Taktiken. Eine davon könnte man die „Stroboskop-Taktik“ nennen. Das heisst, dass ihr niemals ein komplettes Bild der Situation entstehen lasst und es als voll real erlebt. Sondern ihr nehmt eine Szene auf, dann die nächste, dann wieder die folgende und so weiter. Dann reagiert ihr auf die Situation, aber mit Distanz, und ihr werdet in Verbindung damit keinen Zorn oder Aggressionen haben.
Bedroht euch zum Beispiel ein Mann mit einem Stock in der Hand, und er kommt näher, dann sagt ihr euch: „Ok, Mann, Stock, rollende Augen, Gefahr!“. Normalerweise wird man dann vielleicht selbst zornig, nimmt einen Stock, der doppelt so groß ist und schlägt den Mann nieder. Ihr könnt aber auch anders mit der Situation umgehen und sagen „Hand, Augen, Fuß, diese und jene Bewegungen“, ihn packen, ihm den Stock abnehmen und zerbrechen, den Mann auf den Boden legen, ihm zeigen, dass es ein schlechter Trip ist – und dann lasst ihr ihn gehen.
 Es gibt auch andere Techniken. Zum Beispiel kann man denken: „Das ist mein schlechtes Karma, das jetzt reif geworden ist. Ich war früher schlecht zu ihm, und jetzt ist er schlecht zu mir.“ Die Beispiele, wo man Unangenehmes als Folge eigener Fehler sieht, sind die höchsten Beispiele des Mahayana. Wenn man das verwenden kann, so ist das sehr gut.
 Es gibt auch eine dritte Methode, die nicht direkt vom Buddha ist. Es ist meine eigene und nicht ganz orthodox. Sie ist ein bisschen von oben herab, aber nützlich. Ihr denkt: „Ich bin zehn Minuten mit ihm zusammen, und das ist unangenehm, der arme Mann ist aber jeden Tag 24 Stunden mit sich selbst zusammen.“ Wenn ihr dann kein Mitgefühl bekommt, dann habt ihr ein hartes Herz…
Man muss verstehen: Die Leute benehmen sich nicht schlecht, weil sie das wollen, sie benehmen sich schlecht, weil sie nichts anders können. Sie haben keine Kontrolle.

Stimmt es, dass man sein gutes Karma verbraucht, wenn man keine Geduld hat?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Keine Geduld haben, heißt zornig werden. Und zornig werden verbrennt die verschiedenen guten Karmas. Die vielen positiven Eindrücke im Geist brennen ab und verschwinden.

Es gibt sehr viele Wesen auf der Welt, die gute Sachen denken, tun und sagen. Wesen, die viel Positives aufbauen. Aber jedes Mal, wenn sie auf eine Ebene kommen, auf der eine Veränderung, eine neue Dimension von Bewusstheit gefordert wird, bekommt der Geist irgendeine Angst oder Unsicherheit. Dann beginnen die Wesen zornig zu werden und fallen wieder runter. Die alten Gewohnheitsgefühle und Gedanken machen sich wieder breit und dann bauen sie wieder gute Sachen auf, fallen wieder runter, bauen wieder auf, und immer so weiter.

Auf jeden Fall gilt: Vermeidet Zorn so gut ihr könnt! Und wenn ihr von ihm gebissen werdet, dann werdet ihn auch wieder los! Die Entscheidung, Zorn so gut und schnell wie es geht, aus dem Geist zu entfernen ist der theoretische Aspekt des Bodhisattva-Gelübdes. Wenn der Zorn hochkommt, versucht, ein Mantra zu sagen, das ihn auflöst. Lasst den Zorn auf einem Film von Mantra-Öl abfließen, damit er euch nicht wirklich schadet und keine schlechten Gewohnheiten in euren Geist kommen. Das ist ganz wichtig. Denn wenn wir negativen Gedanken erlauben, in unseren Geist zu kommen, fressen sie sich immer tiefer in uns hinein.
Es ist natürlich so, dass kein Schullehrer überleben könnte, wenn er nicht fähig wäre, zornig zu gucken. Man muss fähig sein, die Maske des Zorns aufzusetzen wie Mahakala, denn es gibt Leute, deren Geist so klein ist, dass sie denken, ihr seid schwach nur weil ihr freundlich seid. Zeigt Zorn wie eine Welle, die kommt und geht. Macht auf andere Leute diesen Eindruck, und geht danach weg: Leicht, glücklich und ohne Probleme.

Geduld sollte man nicht mit Schwäche verwechseln. Es gibt Leute, die geduldig sind, weil sie Angst haben. Über diese Art von Geduld rede ich nicht. Wenn man immer ängstlich ist, muss man vielleicht einen Kampf anfangen, um zuerst einmal die Angst loszuwerden. Wenn man dann selbstsicher und stark ist, wenn man sich selbst nichts mehr beweisen muss, kann man geduldig sein. Aber wenn Leute alles mit sich machen lassen, weil sie Angst davor haben, etwas zu tun, dann hat das nichts mit buddhistischer Geduld zu tun. Das ist nicht so nützlich.

Kann man Ungeduld auch irgendwie sinnvoll nutzen?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ich denke ja! Ich gebe dir ein Beispiel, wie ich mit Ungeduld umgehe. Ungeduld ist immer angenehm, wenn man wie beim Autofahren beim Drehzahlmesser in den grünen Zahlen ist.

In den niedrigen, den weißen Zahlen werden die Kolben zu hart geklopft, das ist nicht gut und kommt man in die roten Zahlen, dann reißt vielleicht der Schmierfilm. Es geht also darum, in den mittleren 2000 bis 6000 Umdrehungen zu bleiben.
Der Trick ist, immer gleichzeitig so viele Sachen zu tun zu haben, dass du in diesen Grenzen bleibst. Wenn die Menschen z.B. immer ganz viel von dir wollen, dann bist du völlig dabei. Wenn sie ein bisschen weniger nah sind, kannst du auch verschiedene praktische Sachen machen. Und sind sie gut mit sich selber beschäftigt, kannst du vielleicht dabei sein und trotzdem Briefe schreiben und die Verbindung mit den anderen halten. Wenn du dafür sorgst, dass du immer im grünen Bereich bleibst, nutzt du deine Ungeduld gut und sie wird zum Besten für alle.

Was ist der Unterschied zwischen Geduld und Gleichgültigkeit?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Das ist wirklich eine gute Frage! Geduld bedeutet nicht "Nichtstun" oder "Gleichgültigkeit", sondern es heißt, in jeder Situation gleichmütig zu sein und keinen Zorn in Verbindung mit dem zu haben, was man tut. Es bedeutet also, dass man sich durchsetzt, seinen Weg geht und versucht, immer das Beste zu tun, was man kann, sich dabei aber nicht durch Störgefühle leiten lässt.

Wie praktiziert man Gleichmut im Alltag?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Wenn Du erkennst, dass die Menschen wenig Kontrolle über das haben, was sie erleben und wie sie die Dinge erleben, dass sie von Bedingungen und ihren Launen abhängen, d.h. nett sind, wenn es ihnen gut geht, und schwierig, wenn es ihnen nicht gut geht, dann kannst Du versuchen, sie in die bestmögliche Lage zu bringen, damit es ihnen so gut wie möglich geht. So haben sie die Gelegenheit, nett zu sein. Dadurch rollt der Stein sozusagen immer öfter in eine andere, bessere Richtung, wodurch Du ihnen sehr hilfst. Sie können so nämlich die Gewohnheit schaffen, immer öfter die Rolle des Guten zu spielen.

Du selbst solltest Dich von schwierigen Menschen nicht stören lassen; denke einfach, sie benehmen sich so gut, wie sie es können und wissen es nicht anders. Nimm die Dinge nicht so ernst und persönlich.
Allerdings sollte man dabei nicht zu glatt werden. Wird man von seinen Mitmenschen immer wieder auf die gleiche Sache aufmerksam gemacht, und ist man trotzdem überzeugt, dass alle die anderen falsch liegen, so sollte man sich selbst besser auch einmal unter die Lupe nehmen.

Kannst du bitte erklären, was Gleichmut bedeutet?

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Gleichmut bedeutet, sich stets bewusst zu sein, dass wir alle bereits Buddhas sind, ob wir das nun wissen oder nicht. Es bedeutet, ohne Anhaftung oder Abneigung zu sein, nichts in Kategorien wie "gut" und "böse" einzuteilen, und jedem immer alles Gute zu wünschen. Natürlich muss man nach wie vor handeln und wissen, was für einen selbst richtig oder falsch ist und was man will oder nicht, aber dies sollte alles ohne Zorn und ohne schlechte Gefühle den anderen gegenüber geschehen.