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“Wie kann man die einmal erreichte Erfahrungsebene halten?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Auf der Ebene von Ursache und Wirkung entscheiden wir einfach,  nicht mehr zu töten, nicht sexuell zu missbrauchen, nicht zu stehlen, nicht zu lügen, sich nicht dumm zu berauschen, usw. Wir entdecken also, wo wir früher Fehler gemacht haben und sagen uns: „Das mache ich nicht mehr.’’

Auf der zweiten Ebene, die eher psychologisch ist, geht es um die störenden Gefühle. Hier versuchen wir unseren Zorn, unsere Anhaftung, Eifersucht, Stolz und Verwirrung abzubauen und sehen, dass diese Gefühle keinem Nutzen bringen, sondern viel kaputtmachen.

Auf der dritten Ebene geht es um die Einsicht. Es geht darum, dass man weiß, dass eine höhere Freudenebene gleich einer höheren Wahrheitsebene ist, und dass Erleuchtung die volle Entfaltung des Geistes ist.  Dies ist ein runder, in sich ruhender Zustand und jenseits von Hoffnung oder Furcht. Wir können diesen Zustand jedoch nicht greifen oder machen, sondern nur den Raum geben, damit es geschehen kann.

Hierzu gibt es einen guten Witz: Erleuchtung ist, wie eine schöne Frau kennen zu lernen. Läuft man ihr nach, holt sie die Polizei. Also parkt man seinen Porsche vor ihrer Tür, legt sein Scheckheft oben drauf und wartet, bis sie kommt….
Wir können also die äußeren Bedingungen für Erleuchtung schaffen, ergreifen können wir sie aber nicht.

“Wie erlebst du eine unangenehme Situation auf höchster Ebene, also wenn du z.B. im Smog rumläufst und nicht richtig atmen kannst?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Dann erlebe ich den Bewusstseinsprozeß des Nicht-Atmen-Könnens für einen  Moment und ich stelle mir vor, wie all diese Bleimoleküle irgendwie in den Blutstrom hineinfinden und wo sie dann hinterher hingehen usw. Also ich versuch schon, wegzukommen, aber es ist keine Tragödie.

Wir alle werden alt, krank und sterben. Die Frage ist: Macht man ein Problem draus oder tut man es nicht. Da kann man entscheiden. Du kannst auch das Anhalten des Atems genießen. Statt den Atem im Hals zu erleben, erlebt man ihn in der Brust. Und hinterher den Druck in den Augen. Es ist möglich, alles was geschieht zu einem Fest des Geistes zu machen. Wie wenn man eine schöne Frau feiert. In genau derselben Weise kann das Bewusstsein sich selber feiern.

Und wieder geht es darum, zwei Dinge zugleich zu tun. Einerseits den frischen Moment des Erlebens zu halten und andererseits zu wissen, was sich lohnt und was nicht bzw. wie man ein bisschen länger leben und besser auf die Dinge aufpassen kann.

Außerdem will dir keiner zuhören, wenn du zu sehr in Dramen und Tragödien gefangen bist. Βesser ist die fröhliche Sicht, wo die Leute sagen: "Ah, hier sind vielleicht Möglichkeiten und hier können wir was tun." Die Art, wie Du auftrittst, wird die Leute beeinflussen. Wenn du irgendwas Witziges, Spaßvolles und Sinnvolles machen kannst, dann hören dir die Leute zu. Die Laune muss gut bleiben. Wenn du das Gefühl von der Buddhanatur, vom Potential der Leute verlierst, dann wirst du einsam werden. Wenn du denkst: ,,Ok, wir haben da einen kleinen Fehler gemacht, vielleicht können wir das so und so ändern’’ und du kommst mit Überschuss rein, dann stehst du gut da.

“Ist das keine Verdrängung von Störgefühlen, wenn man sich bemüht, immer die reine Sicht zu halten?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Es ist eine “Nichternährung” der Störgefühle! Man nimmt die Störgefühle ganz bewusst nicht wichtig und hält sie nicht für wahr, weil man weiss, dass der Spiegel hinter den Bildern toller ist als jedes Bild, dass der Erleber spannender ist, als alles was erlebt wird. Das Erleben wird dadurch nicht verfälscht, im Gegenteil, man sieht die Dinge mehr wie sie sind. Man wählt, nur das zu sehen was wirklich ist, und Energie abzuziehen von dem was nicht wirklich ist.

Also, wenn ein Störgefühl eine niederere Ebene von Wahrheit bedeutet als ein glückliches Gefühl, dann bist Du ja einfach klug, wenn Du Dein Bewusstsein, Deine Kraft in Richtung Freude und Wahrheit lenkst und keine Aufmerksamkeit dahin richtest, wo sowieso nichts Gutes zu erwarten ist. So, ich würde sagen, das ist nicht Vermeiden, das ist einfach klug sein!

“Wenn man sich nun angestrengt bemüht, alles als rein zu sehen, kann es da nicht passieren, dass man sich in Schönfärberei und Illusionen verliert?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ja, das gibt es schon. In Kathmandu hatten wir echt einige Zeit Leute, die hatten zu viele Trips geschmissen. Sie sagten: ,,Alles ist rein’’ und haben dann ein paar Dinge gegessen, die Ihnen nicht gut getan haben.
Der Punkt ist, wenn man mit Druck irgendwas erreichen will, dann ist man außerhalb von seiner Mitte und dann kann man Fehler machen. Man muss wissen, dass auf letztendlicher Ebene alle Wesen Buddhas sind und zur selben Zeit, dass sie es nicht wissen und deswegen viele Fehler machen. Es gibt natürlich Sachen, die mich in meinem bedingten Körper krank machen würden. Es geht darum, letztendliche und bedingte Wahrheit zusammen zu halten.

Die Leute machen den Fehler, dass sie Weg und Ziel durcheinander bringen, also letztendliche und bedingte Wahrheit vermischen. Und das passiert Menschen meistens dann, wenn sie einen gefühlsmäßigen Druck drauf haben, wenn sie einfach irgend etwas sehen wollen oder sich schützen müssen, weil ihnen ihr Erleben sonst zu weh tut.
Deswegen sage ich auch, die reine Sicht soll sich aus Verständnis entwickeln und nicht daraus, dass man es nicht aushält, wenn nicht alles in Ordnung ist.

Man sagt: Alle sind Buddhas, mal sehen, wer’s entdeckt hat und wer nicht. Also, dass man es cool nimmt, dass kein Druck darauf ist. Der leichteste Weg dazu ist, in den Spiegel zu schauen und zu prüfen:  Wie wichtig ist es für mich, dass das so oder so wird?
Ich glaube, das spielt vor allem auch in Sachen der Liebe eine Rolle.Vielleicht ist das Verlieben am Anfang nur möglich, wenn man ein schönes Bild auf den oder diejenige projiziert.  Zunächst sind es wohl gewisse Hormone, die den anderen als besonders begehrenswert erscheinen lassen; und dann hinterher sieht man dann, ob wirklich etwas dahinter ist, ob wirklich ein Band ist oder ob es nur so eine kurze Anziehung war.

Und da ist es dann wichtig, dass man sich genau beobachtet: Will ich das sehen oder sehe ich es tatsächlich? Wenn man etwas nicht sehen will und es dennoch anschaut, dann glaube ich, macht man die Fehler nicht.
Man sollte also immer aus seiner Mitte heraus handeln. In seiner Mitte ist man, wenn man stark dasteht, und nichts beweisen oder entschuldigen muss.

“Ich hatte bisher das Gefühl, dass man ziemlich festgelegt ist auf die Rolle, die man im Leben spielt und die Art, wie man die Dinge sieht. Wie kann man da ausbrechen?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Jede Meditation, die wir machen, vor allem hier im Diamantweg, beinhaltet eine Phase der Leerheit. Das bedeutet, dass Du in einem Raum bist, dieser Raum ist völlig bewusst und alles passt. Aus diesem Raum machst Du dir deine Wirklichkeit, und damit gehst Du dann in die Welt und bist frei. Du kannst Dir die Sicht und die Welt aufbauen, die Du haben willst. Du musst nur wissen: höchste Wahrheit ist höchste Freude!

Und Du musst Dir vertrauen – also wirklich -,  den Mut haben, das Beste zu machen und nicht in allen möglichen Einengungen durch Kultur und Familie usw. hängen zu bleiben. Du musst Dich wirklich entscheiden für die Sicht: Höchste Wahrheit ist höchste Freude. Und dann versuchen, diese Sicht im Alltag zu halten!

“Als ich mir klar gemacht habe, dass alle Dinge zusammengesetzt und deshalb vergänglich sind, habe ich erstmal an allem das Interesse verloren. Was ist der nächste Schritt, wie erlebt man die Welt wieder als spannend und voll unbegrenzter Möglichkeiten?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Wenn man die Sachen als vergänglich erlebt, geht das oft mit einer Erfahrung von Verlust an Interesse und Spannung einher. Und die Frage ist dann: Was kommt nachdem sich diese erste Anhaftung lockert und einen nicht mehr treibt, wie kann man dann weitergehen? Ja, mich interessiert immer das nächste Bild. Mich interessiert immer die Öffnung einer jeden Lage in einen noch weiteren Raum hinein und zu noch mehr Möglichkeiten hin.
Wichtig ist, in dem Augenblick, wo die Sachen noch sind, bei der nächsten Sache zu sein und bei der nächsten, so dass die Erfüllung gar nicht aufhört.

Also nicht die Sachen bis dahin gehen, wo man da sitzt und nicht mehr weiter weiß, sondern aus einer Erfahrung, wenn sie auf die Spitze kommt, zu der nächsten Spitze gehen und zu der nächsten.
Und sich daran erinnern, dass höchste Freude höchste Wahrheit ist! Sich da Zuhause fühlen, wo höchste Freude, höchster Sinn, höchste Erfüllung, höchstes Wachsein, höchste Erfahrung ist und alles Leidbringende, Einengende, Schwierige von vornherein als einen Funktionsfehler zu sehen.

Die Natur der Wesen ist immer die des Buddha. Das klare Licht ist überall dasselbe.
Und man irrt, weil man es nicht erkennt. Man läuft seinen äußeren und inneren Eindrücken nach und ist im ewigen Kreislauf. Und man kriegt Mitgefühl, wenn man das sieht, und zwar ohne jeden Schmalz und Zucker und Honig. Man kann schon sagen, dass unser Erleben verglichen mit der Freude der Erleuchtung Leid ist.

“Wie kann man denn die Dinge immer auf höchster Ebene erleben und gleichzeitig auf der relativen Ebene praktisch mit ihnen arbeiten?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Das ist vollkommen leicht. Du erinnerst Dich einfach daran, dass sie alle Buddhas sind und zur selben Zeit, dass sie das nicht wissen. Deswegen soll man dem Angetrunkenen auf dem Weg nach Hause keine Flasche Wein mit ins Auto geben und dem zornigen Mann seine Pistole nicht ausleihen.
Wenn man nicht wüsste, dass sie Buddhas sind, dann wäre es ja sinnlos, etwas zu tun. Weil sie die Buddhanatur haben, lohnt sich der Weg.

Entscheidend ist seine Sicht. Stell dir vor, du bist Lehrer und kommst in die Klasse, schaust dir die Kids an und denkst, wer hat mir diese 30 zornigen Gorillas in die Klasse gesetzt? Dann kannst Du gleich wieder raus gehen, denn Gorillas kann man nichts beibringen. Was willst du mit der Einstellung machen? Auf der anderen Seite, wenn du rein kommst und du denkst, wer hat mir die 30 Einsteins in meine Klasse gesetzt? – dann ist plötzlich alles möglich und du fängst an und gibst dein Bestes. Und vielleicht hören sie auf, den Bleistift im Ohr zu haben oder im Mund und vielleicht lauschen und lernen sie. Andererseits: Denkt man dann, die wüssten schon alles, dann fliegen plötzlich die Kreidestücke und das Essen durch den Raum.

Es geht vom Wissen zum Erleben. Es rutscht von den Augen ins Herz oder umgekehrt.
Tatsächlich ist ja alles eine Projektion des eigenen Geistes. Also, die Fehler, die man bei anderen sieht, hat man selber. Zum Beispiel, wenn man zornig wird über irgend etwas, dann ist das, weil etwas in einem angriffen wird. Wenn man keinen Zorn in sich hat und die Leute benehmen sich komisch, dann denkt man: Warum tun sie das? Was ist der Sinn dessen? Du schaust es an, wie irgend etwas Komisches in einem Schaufenster. Wenn du aber zornig wirst bedeutet das, es wird etwas an dir angekratzt. Wir sehen nicht die Welt, wir sehen die eigenen schwarzen oder rosa Brillen. Je reiner und je schöner wir die Leute sehen, desto näher kommen wir an das, was sie wirklich sind.

Man muss also nicht sterben um in ein reines Land zu gehen, man muss auch nicht woanders hingehen, um Buddhas zu begegnen, man muss nur die eigenen Augen kräftig putzen. Tut man das, dann ist man zu Hause, dann sieht man, jedes Atom schwingt vor Freude, wird zusammengehalten vor Liebe, alles hat Bedeutung, bloß weil es erscheint oder nicht erscheint.

Auf der höchsten Ebene bist du so wie einer, der oben auf einer Bergspitze sitzt und einerseits 360 Grad sehen kann, alles offen, weit und voller Möglichkeiten. Andererseits kannst du aber auch die Bergseite runterschauen und sagen: "Die waren früher meine Eltern, das waren meine Freunde, die versuchen alle Glück zu haben, Leid zu vermeiden und machen sich ein paar Schwierigkeiten dabei. Und ohne die reine Sicht zu verlieren, arbeitest du dann auf bedingter Ebene und versuchst, die Wege dahin zu halten.

“Ich verstehe das mit der reinen Sicht nicht. Es ist doch einfach so, dass manche Dinge und manche Menschen schön sind, andere nicht. Macht man sich da nicht was vor?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
In diesem Fall geht es darum, auch im dick oder dünn sein etwas Phantastisches sehen zu können. Das ist eine Ebene jenseits des Allgemeinen, auf der alles phantastisch ist, einfach weil es passieren kann. Auf der allgemeine Ebene will jede Frau gerne so ein bisschen nach Sanduhr aussehen und die Herren so ein bisschen nach Y. Das ist so auf der Ebene der Anhaftung. Auf der anderen Ebene sehe ich, auch wenn einer umgekehrt aussieht, dass irgendwelche Weisheitsprozesse zusammengekommen sind, um das geschehen zu lassen. Das selbe gilt für die Gedanken.

Jeder will gerne schlau sein und keiner verwirrt, aber tatsächlich sind auch die verwirrten Gedanken an sich wahr, bloß weil sie entstehen. Wenn man jenseits der Anhaftung geht, ist alles phantastisch, bloß weil es geschieht, weil es die Möglichkeiten des Raumes zeigt. Aber natürlich ist es schwierig, jenseits dieser allgemein weltlichen Welt zu gehen. Wir kennen im Buddhismus ein paar Leute, die das erreicht haben. Es gab außerhalb von Lhasa z. B. eine sehr hoch verwirklichte Frau, die in einer Schlachterei arbeitete. Und alle Leute gingen vorbei und sagten: "Hilfe! So eine Wilde, nichts wie weg." Sie stand da, mit wild rollenden Augen und alles was vorbei kam: Kopf ab. Aber ein Dharma-Lehrer hat gesehen, dass sie die Geister dieser Tiere weiter geschickt hat auf reine Bewusstseinsebenen. Und er ist zu ihr gegangen und hat sich verbeugt. Sie hat ihr blutiges Messer auf seinen Kopf gelegt, und er hat spontan 21 besondere Fähigkeiten entwickelt. 

Es gibt schon Fälle, in denen die allgemein bürgerlichen Maßstäbe nicht mehr passen. Die bürgerliche Ebene geht nur bis zu einem gewissen Punkt und danach kommt eine Ebene von riesiger Freiheit. Aber wer sich da rein bewegt, steht auch für sich selbst da und hat Eigenverantwortung. Solange man so schnattert wie all die anderen im Teich und man benimmt sich so, wie es erwartet wird, hat man auch den Schutz der Masse. Bewegt man sich weiter raus, muss man riesiges Mitgefühl haben, das alle spüren. Man muss sehr hart arbeiten und die Leute wirklich mögen.

Wenn man dabei nur an sich selber denkt, dann kommt man in Schwierigkeiten.
Dann kriegt man Feinde. Nur solange man außerhalb des Persönlichen ist wird es einem abgenommen und man wird anerkannt. Wenn man diese Liebe hat und zum Besten aller Wesen arbeitet, dann ist an der bedingten Welt kein Klebstoff mehr. Dann kann man wirklich frei gehen. Und das Beste ist, auf mehreren Beinen zu stehen: die Freiheit, das Transzendente, die neuen Möglichkeiten in den Kursen zu entwickeln und in den Meditationen jeden Tag zu üben. Und dann die Extrakraft, die man gewinnt, durch diese überpersönliche Sicht in die Welt bringen.

“Ich falle immer wieder aus der reinen Sichtweise raus, wenn es um meine Mitmenschen geht. Da sind sofort Gedanken da wie: Der Hintern ist zu dick, die Nase ist zu lang usw. Was soll ich da tun?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ich denke, Mitgefühl ist am hilfreichsten. Du musst den Leuten alles Gute wünschen. Das ist der beste Weg für die meisten von uns. Wünsch ihnen alles Gute, sodass das andere irgendwie nebensächlich wird, ob sie eine komische Haarfarbe haben oder zu dick oder zu dünn sind oder irgend etwas anderes. Du lenkst deinen guten Trip auf die Mitmenschen, wünschst ihnen bewusst alles Gute, damit das auf sie abfärbt und alles andere ist sowieso okay.

Das ist ihre Art der Weisheit, ihre Eigenart. Man kann auch die Weisheit verwenden, z. B. indem du dir vorstellst, was an karmischen Ursachen zu ihrem Verhalten oder Aussehen geführt hat. Aber ich denke. Mitgefühl ist am Besten.

“Wenn ich alles auf einer reinen Ebene sehe, dann erlebe ich doch auch das Leiden eines Menschen nicht als Leiden. Wie kann ich dann Mitgefühl mit ihm haben?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ich kann Dir von einem Erlebnis erzählen und vielleicht so eine Antwort geben. Das war 1976 am Ararat in der Türkei, direkt an der Grenze zu Persien. Wir waren mit unserem Bus unterwegs und fuhren mit 50, 60 Freunden durch den ganzen mittleren Osten und dann weiter nach Afghanistan, Pakistan und  Indien, als wir plötzlich den Bus anhalten mussten, weil ein Mann tot auf der Straße lag. Ich bin hin, um ihm zu helfen. Und das war ein total nacktes Erlebnis, nackt und strahlend!

Es lief auf mehreren Bewusstseinsebenen ab. Einerseits war da der knallblaue Himmel, mit dem eindrucksvollen Berg dahinter und dem ganzen ewigen Schnee darauf. Und dann war hier ein toter Mann, der da lag. Und die Leute, die um ihn rum standen: Alle unterernährt, alle mit Bartstoppeln im Gesicht, und alle total schockiert. Und der Mann lag da mit offenen Augen, den Mund voller  Blut und neben ihm lag ein Stück Hüftknochen, das abgebrochen war.

Und alles war da zur selben Zeit: Mitgefühl mit dem Mann, der bestimmt 15 Kinder hatte, die jetzt in die Salzminen gehen mussten, Mitgefühl mit seiner Frau, der Schock und diese Leute, die da nur standen und überhaupt nichts kapierten oder tun konnten, der phantastische Berg, das leuchtende strahlende Blut da im Knochen und in seinem Mund, und das alles… irgendwie war es rein. Es war rein, bloß weil es geschah. Ganz auf der anderen Seite von Mögen und nicht Mögen, es war ein total nacktes, direktes Sehen, von dem was war.

Und diese Erfahrungen, die kommen zuerst: Und dann wundert man sich, man denkt: ,,Wo ist dein Mitgefühl hin, und du hättest etwas tun sollen, tun müssen.’’ Aber tatsächlich hat man ohne diese Gedanken fünf mal besser und echter und direkter reagiert, als wenn man sentimental und gefühlsduselig und mit allen möglichen festen Ideen über Mitgefühl angekommen wäre. Weil ich in dem Moment fähig war, die Situation auf einer reinen Ebene zu sehen, habe ich der Situation entsprechend handeln können. Man kann dann sein Bestes tun, sogar viel besser als mit festen Vorstellungen.

“Wie kann man die reine Sicht halten?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Stell dir vor, dein Geist ist eine Zigarrenfabrik. Du produzierst nur die Zigarren für Millionäre,  zu 20 Dollar das Stück. Du prüfst, welche Farbe und welches Aroma sie haben und überprüfst, welches Geräusch sie machen, wenn du darauf drückst. Wenn sie gut genug sind, akzeptierst du sie, wenn nicht, lehnst du sie ab, so dass sie zu Zigaretten und Tabak verarbeitet werden.

Genau darum geht es, dass du nur die besten Gedanken und Gefühle akzeptierst, verstehst du?
Man könnte auch sagen, dass in allem, was dich betrifft, etwas Reines sein muss. Auf der höchsten Ebene sind Samsara und Nirwana eins. Jedes Atom vibriert vor Freude und wird zusammengehalten von Liebe. Jeder Gedanke und jedes Gefühl, sogar das dümmste, ist auf der absoluten Ebene phantastisch, bloß weil es geschehen kann.
Wenn Du dafür sorgst, dich gut zu fühlen, wirst Du die Welt als schön erleben, die Dinge sind wunderbar und sinnvoll. Erinnere Dich daran, dass allen die Buddhanatur innewohnt und entscheide Dich dafür, alles als frisch und neu zu erleben, in allem das zu sehen, was schön ist. Wichtig ist zu verstehen, dass höchste Wahrheit höchste Freude bedeutet. Ich kann dir sagen, mein Geist funktioniert sehr einfach. Ich habe eine automatische Funktion, eine Aussonderungsfunktion.

Wenn sich etwas schlecht oder seltsam anfühlt, dann sagt mein Geist: ,,Darum brauchst Du Dich nicht zu kümmern, dass hat keinen Wahrheitsgehalt, scheint sich eher um einen Fehler im heutigen Produktionsprozess zu handeln oder um eine Verunreinigung.’’ Und warum soll ich mich um etwas kümmern, dass ohnehin nicht wahr ist. Wenn sich dagegen etwas schön, gut und angenehm anfühlt sagt mein Geist: ,,Oh, du scheinst dich etwas zu nähern, was wahr ist’’ und dann nimmt mein Geist diese Richtung. Er funktioniert automatisch. Und damit habe ich eine angenehme Zeit. Ich verbinde einfach Wahrheit mit Freude und Unwahrheit mit einem niedrigen Funkionsniveau. Höchste Freude ist höchste Wahrheit. Es gibt dazwischen keine Trennung.

Wichtig ist ein gewisses Gefühl von Überschuss. Wenn du das hast, dann  wirst Du generell Gutes tun. Wenn die Motivation gut ist, dann musst Du nicht jedes Wort checken. Jede Handlung wird rund sein und anderen nützen und helfen. Aber wenn Du z.B. einen saueren Gefühlston hast, dann wirst Du, auch wenn Du auf jeden Punkt und jedes Wort aufpasst, immer noch Fehler machen und die Leute werden sauer werden, weil sie die Schwingung spüren und das wieder zurückgeben. Daher würde ich am ehesten die Fähigkeit, auf der höchst möglichen Ebene zu sehen, entwickeln. Wenn Du das kannst, dann wirst Du von selbst mitfühlend und liebevoll und überpersönlich sein und nichts Falsches machen.

So, je höher am Kopf Du die Schlange fängst, desto weniger kann sie Dich stören. Versuch einfach mit einem guten Gefühl rauszugehen, sorge dafür, dass es Dir gut geht und wünsche den anderen etwas Gutes. Wenn Du dann irgend etwas Schädliches tust, denkst oder sagst, dann werden fünf rote Lampen auf einmal aufleuchten.

Natürlich kann man die höchste Sicht nicht festhalten! Das ist vergleichbar mit der Meditation. Man kann auf äußerer Ebene aufpassen, die Sachen nicht zu tun, die einen bestimmt runterreißen. Auf innerer Ebene paßt man auch auf, dass Mitgefühl und Weisheit da sind und auf höchster Ebene, hält man die Sicht. Aber die Erfahrung, die entsteht eigentlich spontan und mühelos und von selber, die kann man nicht greifen. Du kannst nur dafür sorgen, dass du immer mehr Wahrheit mit mehr Freude identifizierst und du kannst so ein ganz, ganz feines inneres Gespür dafür entwickeln, zu wissen, ob du dich dem inneren Licht näherst oder dich entfernst, ob du dabei bist, etwas ehrliches und rundes zu machen oder eher so ein bißchen abstrakt und entfernt und unklar wirst. Der Geist entwickelt ganz, ganz viele feine Glöckchen und rote Lampen, die einem helfen, in allem bewusst zu sein was geschieht.

“Was ist die ,,reine Sicht“ und wie erreicht man sie?”

Die Antwort von Lama Ole Nydahl:
Die reine Sicht ist eigentlich ganz einfach. Die reine Sicht ist, zu verstehen, dass es an sich phantastisch ist, dass überhaupt Dinge geschehen können. Wir haben meistens ein unterscheidendes Bewusstsein. Wir denken ,,klug’’ oder ,,dumm’’ und ,,mag ich’’, ,,mag ich nicht’’ usw. Reine Sicht bedeutet, dass man den Spiegel selbst nicht vergisst, dass man nicht vergisst, dass das, was durch die Augen schaut und die Ohren hört und die Dinge wahrnimmt und alles erlebt, dass das, was bewusst ist, an sich Furchtlosigkeit, Freude und Liebe ist. Also, dass der Erleber selbst immer dabei bleibt, bei dem, was erlebt wird.

Man schaut also mehr auf das, was zwischen den Gedanken ist, hinter den Gedanken ist, was die Gedanken und Gefühle wahrnimmt, diese Raum-Klarheit-Unbegrenztheit, die in allem mit dabei ist. Man nimmt etwas wahr, z.B: ,,unangenehm, das tut weh’’, aber eigentlich ist es spannend, dass einer da ist, der das erfahren kann. Das ist an sich ein sehr spannendes Gefühl, Schmerz, und wie man sich dann verhält oder wie andere sich dann verhalten.

Wichtig ist, dass man nicht an den Bildern im Spiegel festhängt, sondern sich immer des Spiegels bewusst ist. Dass immer derjenige, der erfährt und erlebt bei den Aufs und Abs des Geistes mit dabei ist. Wenn du diese Sicht hältst, dann ist alles, was passiert das freie Spiel des Geistes, Überschuss des Geistes, Kraft des Geistes, Fähigkeit des Geistes, Licht des Geistes, wie man will.

Aus der Reinen Sicht gesehen spiegeln Gedanken den Wahrheitszustand des Geistes wider. Dass sie überhaupt geschehen können, ist, weil etwas da ist, was diese Dinge erlebt. Wenn man Gedanken so erlebt, gibt es kein Festhalten an guten Erfahrungen und Wegschieben von schlechten Erfahrungen. Alles was passiert, wird als spannend, als interessant, als Möglichkeit zu lernen angesehen, ohne davon gefangen zu sein. Alles was geschieht, zeigt, was möglich ist. Ich kann dir sagen: Auch wenn ein Mafioso hier reinkäme und eine Handvoll Handgranaten schmeißen würde, sogar das Blut und die Teile von uns, die sich hier auf den Wänden und überall verteilen würden, sogar die würden die Wahrheitsnatur ausdrücken.

Das  wäre genau der richtige Ausdruck von der Ladung in Verbindung mit dem Körper unter den Umständen usw., alles ist Wahrheit! Gut – wenn man an die Sache gebunden ist und denkt: Ich bin mein Körper und ich will lange leben – klar dann ist das leidvoll. Die Ebene kennt ja jeder. Ich rede davon, es überpersönlich zu sehen und nicht mehr zu denken, dass man der Körper sei. Man ist das klare Licht, das die Dinge wahrnimmt. Ich rede also von einer hohen Ebene. Und von der Ebene aus ist alles phantastisch, bloß weil es geschieht, ob geboren oder gestorben wird, und da ist keine Moral für dies oder das. Auf der Ebene nicht! Wenn zwei Gauner versuchen, einer alten Dame ihre Brieftasche wegzunehmen, würde ich sie schon stoppen.

Klar würde ich das tun. Aber ich würde nicht moralisch dabei sein, denn es könnte ka sein, dass sie ihnen vielleicht im vielleicht letzten Leben auch etwas geklaut hat  und dadurch ist diese Verbindung entstanden. Man soll also schon helfen, aber ohne den ganzen moralischen Druck, ohne zu beurteilen, ohne moralisierend zu sein. Die Leute sind eher dumm als böse. Sie suchen Glück und versuchen Leid zu vermeiden. Sie stecken nur immer die Hände in die Nesseln statt in die Blumen.
Dann bedeutet reine Sicht auch, dass du weißt, dass höchste Wahrheit höchst Freude bedeutet. Du weißt, dies ist ein reines Land, alle sind Buddhas, die es nur noch nicht wissen und je höher und reiner Du die Sachen sehen kannst, desto näher bist Du der Wahrheit.

Gut, Dein normales Erleben ist vielleicht: ,,der Mann kommt an, sein Gesicht sieht aus, als wäre er  von einem Güterzug überfahren worden. Aber seine Hände sind schön, und Du siehst die Hände. Oder Hände und Gesicht sind nicht gut, aber die Schuhe sind gut, oder die Automarke. Du versuchst alle Wesen und alles, was geschieht, als neu und frisch und spannend zu sehen, das Schönstmögliche, Reinstmögliche darin zu erfahren. Wenn Du das schaffst in jedem Wesen, in jedem Gesicht, was es auch ist, in allem was geschieht irgendwie etwas Neues und Schönes zu sehen, dann kommst Du allmählich dahin, in jedem Erlebnis eine "Aha!"-Erfahrung zu haben und das heißt, Du siehst den Spiegel jenseits der guten Bilder, siehst den Erleber jenseits der schönen Erlebnisse.
Wenn Du dagegen viele unschöne Erlebnisse hast, dann bleibst Du immer auf der Oberfläche und versuchst abzudecken und zu verteidigen und der Erfahrung zu entfliehen. Aus einem schlechten Traum kommst Du nicht dahin, den Erleber zu erkennen, aber wenn Du wählst, immer wieder das Schönste, Beste, Sinnvollste bei den Leuten zu sehen, erkennst Du die Ebene des Erleber selbst. Es geht also darum, aus dem guten Traum aufzuwachen.

Es ist viel leichter, aus einem guten Traum aufzuwachen, als aus einem schlechten Traum. Deshalb arbeiten wir damit, den schönstmöglichen Traum aufzubauen, die Wesen, die Dinge immer auf der höchstmöglichen Ebene zu sehen, weil man sich aus dieser Ebene erfahrungsgemäß leicht öffnen kann und dann weitergehen kann in wirkliche Reinheit, in wirklichen Sinn, in wirkliche Bedeutung. Während, wenn man in irgendeinem miesen Traum festhängt, da ist kein Auftrieb, da ist nichts. Alles klebt und ist so halb nass, halb kalt, – wenig Spaß. Wenn man sich selbst und alle Wesen als mögliche Buddhas erlebt, den ganzen Raum als ein reines Land, alles als an sich funkelnd und strahlend und sinnvoll, dann ist der Rest ein Geschenk.

Dein Geist ist ein Gewohnheitstier. Er baut Gewohnheiten auf und macht sie immer stärker.
Deshalb passt Du auf mit Situationen, wo Du weißt, da falle ich immer ins Wasser, da kriege ich immer Probleme, da sehe ich die Sachen immer schief. Du sorgst dafür, das zu tun, was gutes Denken, Reden und Handeln leicht und natürlich macht und Dich dem fernzuhalten, was schlechte Gesellschaft wäre, was schlechte Möglichkeiten in Dir entwickeln würde. Und so arbeitest Du weiter mit Sicht und Praxis zusammen bis Du eines Tages da sitzt und alles ist schön und alles ist spannend. Etwas Sicht und viel Arbeit.

Wichtig auf diesem Pfad ist, dass man versteht, dass es eine allgemeine Wahrheitsebene nicht gibt – ‘darunter die schwarzgrauen Depressionen und darüber die rosigen Träume – dieses Bild von Wirklichkeit stimmt nicht. Wenn wir nach etwas suchen, was wahr und wirklich ist, gibt es nur einen Punkt und das ist, wo alles zusammen kommt: Höchste Freude, Liebe, Kraft, Mut, Sinn, Zuversicht, Überschuss, Weisheit, Mitgefühl usw.. Wo das alles zusammen kommt, da ist die höchste Funktionsebene, die höchste Wahrheit. Das ist wichtig zu wissen, dass da, wo der höchste Wirk- und Entfaltungsgrad alles Möglichen, die höchste Freude ist, dass da auch höchste Wahrheit ist.