Tag Archive for “Anhaftung”

Ist Begierde eine Grundvoraussetzung dafür, als Mensch geboren zu werden? Und wenn man die Begierde nicht transformiert, wird man immer wieder als Mensch geboren?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Im Prinzip ja, wenn man nichts Schlechtes tut. Wenn man viel Negatives tut, sehr geizig ist, dann wird man wohl in Afrika oder Südamerika oder so geboren, wenn man sehr gierig, aber auch großzügig war, kann man vielleicht nach Amerika oder Europa kommen. Aber die guten Orte werden immer weniger und die schlechten Orte immer mehr. Es ist klug zu lernen, wie man weiterkommt. Und das Schöne an den Reinen Ländern ist ja, dass man seine Begierden gar nicht ändern oder kaputt machen muss, man muss sie nur umdrehen.

Man muss nur lernen, all die Energie der Begierde, die sich jetzt auf athletische Partner oder Geld oder Urlaub richtet, umzudrehen und auf Befreiung und Erleuchtung auszurichten. Begierde ist eine sehr gute Kraft, wenn man die bindende, einengende Begierde und befreiende und erleuchtende Begierde umwandelt. Man muss den Tiger nicht einschläfern, man kann ihn reiten. Man bindet den Tiger vor einen Pflug und steuert ihn dahin, wohin man möchte. Man verwendet die Kraft der Gefühle, auch wenn es vielleicht nicht so leicht ist. In einigen Fällen lohnt es sich, sich zu entspannen, also die schwierigsten Zustände zu vermeiden, in denen man sonst an die Decke geht. Es lohnt sich, alle Dinge als traumähnlich zu erleben, zu wissen: „Es war früher nicht da, es wird später weg sein, und wenn ich mich jetzt darum kümmere, kriege ich nur Schwierigkeiten.“ Aber das Wichtigste ist, die Kraft zu nehmen und umzudrehen. Wie ein Kämpfer: Er nimmt die Energie des Gegners und nutzt sie, um ihn weiterzuschicken.

“Wie ist es möglich, dass man Haßliebe empfindet?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Hassliebe scheint mir frustrierte Liebe zu sein. Erst liebt man etwas, und dann hasst man es, weil man es nicht bekommt. Wenn man etwas liebt und es bekommt, und es dann trotzdem hasst, dann war man am Anfang vielleicht zu verwirrt und hatte zu viele Erwartungen.

“Manchmal werden Männer mir gegenüber ziemlich anhänglich und anhaftend, obwohl ich einfach nur freundlich sein wollte. Wie soll ich damit umgehen?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Am Besten sollte man ihnen erklären, dass es ja ganz toll wäre, auf vielen Ebenen etwas zu teilen, einen Bruder oder Freund zu haben, womit man ihn aus den sexuellen Anhaftungen herausführt. Und vor allem sollte man ihnen sagen: „Das, was du bei mir suchst, hast du in dir selber. Warum versuchst du nicht, ein bißchen zu meditieren?“

Einfach immer wieder auf der Ebene der höchsten Weisheit meditieren und die Leute immer wieder auf ihre Kraft und Möglichkeiten aufmerksam machen. Wenn die Leute auf ungesunde Weise etwas haben wollen, was sie nicht haben können, schickt man sie besser woanders hin. Das Beste ist, die Energien zu nutzen und die Leute selbständig zu machen, so dass sie Partner werden können. Dann kann man später zusammenarbeiten. Aber es hat nur einen Sinn, wenn eine Entwicklung sichtbar ist. Man kann nicht für alle Leute Mutter spielen. Schuldgefühle und Verpflichtungen sollte man abschneiden. Wenn der Respekt verloren geht, ist es aus.

“Wie kann man sicher sein, dass die erlebte Freude nicht etwa starke Abhängigkeit ist?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Man kann sehen, auf welcher Ebene diese Freude ist. Wenn diese Freude darüber besteht, das man etwas hat, und wenn sie aufhört, wenn man es nicht mehr hat, dann ist die Freude bindend und unangenehm.

Eigentlich kann man alles genießen, solange man kein Problem damit hat, wenn es wieder aufhört. Wird der Genuss stark genug, dann sprengt er die Grenzen des Egos. Man kann über das Ego reingehen und eine Vision entdecken, die tausendmal größer ist, als alles, was man gekannt hat. Solange man sich nicht abhängig macht, kann man es furchtlos genießen. Wie ein alter Meister sagte: „Wo sowieso alles ein Spiel des Geistes ist, kann man es ebenso gut furchtlos genießen.“ Es ist das Leben, von dem er spricht.

“Es gibt buddhistische Belehrungen gegen Anhaftung, in denen der Körper als unrein beschrieben wird. Ist das nicht ein Widerspruch zu den Diamantwegs-Belehrungen?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Der Buddha hat Belehrungen für verschiedene Leute gegeben. Für Mönche und Nonnen hat er gelehrt, man soll das Körperliche als unschön ansehen, weil es gefährlich für sie ist, für ihre Geistesruhe. Den Laien hat er gesagt, mit dem Körper kann man Freude bringen, über den Körper kann man mit dem Geist arbeiten. Und auf der höchsten Ebene wird erklärt, dass im Körper 72.000 Energiekanäle sind, alle leuchtend, alle sinnvoll. Den weiblichen Teil sieht man als Lotusblüte und den männlichen Teil als Diamant. Man sieht den ganzen Körper als ein Mandala, einen Kraftkreis aus Licht und Energie.

Wenn man auf der Diamantwegsebene ist und den Körper als unrein ansieht, dann bricht man seine Bände. Wenn man den Körper eines anderen als unschön, abstoßend, unrein, sinnlos oder so ähnlich erlebt, dann tritt man aus dem Kraftkreis der Buddhas aus.

Ich weiß nicht, wie die Mönche das schaffen, vielleicht halten sie es in ihrem Geist getrennt. Aber wenn man auf der Diamantwegsebene ist, wenn man Mahamudra-Belehrungen bekommen hat, und dann den Körper als unrein ansieht, dann wirft man eigentlich alles wieder weg. Ich sage meinen Schülern immer, höchste Wahrheit ist höchste Freude, und man soll die Ebene halten, so gut man kann.

“Was tut man gegen Anhaftung?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Der Buddha hat zwei Ratschläge für die Anhaftung, und Karmapa hat noch ein Spezialmittel. Auf der höchsten, der absoluten Ebene rät der Buddha dazu, innerhalb der Mutter-Tantra-Linie zu verschmelzen. Das bedeutet, die aufbauende Phase der Meditation kurz halten und lange in der verschmelzenden Phase verweilen. In der Meditation auf den Achten Karmapa gibt es besondere Mittel gegen Anhaftung. 

Auf der täglichen, praktischen Ebene rät der Buddha, dass wir, wenn wir vor allem von Begierden und Wünschen motiviert sind, viel über die Vergänglichkeit nachdenken, damit wir uns nicht zu sehr an die Sachen binden. Zweitens sollten wir all das Gute, das wir erleben – denn Begierdetypen erleben eine Menge Schönes und Reiches – an die Wesen weitergeben.  Wir sollten immer das Gefühl haben „Das will ich den anderen zeigen“.
Wenn man all die verschiedenen Ebene auf diese Weise verwendet, dann kommt man zu guten Ergebnissen. Das Wichtigste ist zu verstehen: der Gedanke war früher nicht da, er wird morgen nicht mehr da sein, und ich werde mich heute nicht von ihm stören lassen. So wie die Wellen im Meer kommen und gehen.

“Was ist der Unterschied zwischen Liebe und Anhaftung, was Beziehungen angeht?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Störgefühle wie Anhaftung entstehen ursprünglich aus Verwirrung. Nur drei Gefühle entstehen nicht aus Verwirrung und sind absolut: Furchtlosigkeit, Freude und Liebe.
Furchtlosigkeit entsteht, wenn der Geist seine Raumnatur erkennt. Wenn er entdeckt, dass er kein Ding ist, sondern unzerstörbar wie der Raum. Freude entsteht, wenn der Geist seine Klarheitsnatur erkennt. Wenn er auf der Basis der Furchtlosigkeit sein freies Spiel erkennt, seine Möglichkeiten und seinen Reichtum, dann wird man froh und glücklich. Liebe entsteht, wenn der Geist seine Unbegrenztheit erkennt.

Wenn man sieht, dass die Natur des Geistes Raum-Klarheit-Unbegrenztheit ist, und dass alle Wesen so sind wie wir, dass sie Glück haben und Leid vermeiden wollen, dann stellt man fest, dass man das eigene Gefühl nicht von den anderen trennen kann. Dann kann man gar nicht anders als liebevoll werden.
Diese Gefühle haben nur die wahre Natur des Geistes als Ursache, deshalb sind sie wirklich dauerhaft.

Bei normalen Leuten ist der Geist wie ein Auge, es schaut nach außen, aber es sieht sich selber nicht. Wir können alle Erscheinungen im Raum abmessen und beschreiben, aber die Frage, welche Größe, Länge, Breite, Farbe, Form oder Geschmack der Geist hat, kann niemand beantworten. Wir wissen alles über die äußere Welt, aber nichts über den Erleber. Das ist schlecht, denn die äußeren Bilder ändern sich ständig, aber der Geist bleibt stets derselbe.
Aus dieser Unfähigkeit des Geistes, sich selber zu sehen, entstehen zwei grundlegende Gefühle. Das eine ist Anhaftung bzw. Begierde. Man denkt, man sei weniger als die Ganzheit aller Dinge, und wünscht sich etwas, von dem man glaubt, man hätte es nicht. Das andere ist Widerwillen, man denkt, die anderen da draußen mag man nicht, die sind gefährlich.

Viele Leute verwechseln Begierde mit Potenz und glauben, keine Begierde zu haben bedeute impotent zu sein. Hier kommt die Sprache durcheinander und deshalb wollen viele Leute nicht meditieren. Darum benutzen wir den Begriff Anhaftung.
Wenn man sich das Prinzip von Liebe und Anhaftung anschaut, kann man deutlich zwei Felder voneinander unterscheiden. Das eine hat nur positive Seiten, das ist die gebende Liebe. Sie zeigt sich darin, dass man sich miteinander auf direkter Ebene austauscht, oder dass man mitfühlend ist, dass man teilt, was man hat. Oder man hat Mitfreude, man freut sich über Dinge, die mit einem persönlich gar nichts zu tun haben, einfach so, weil man es für gut hält. Und schließlich ist man im Gleichgewicht, man weiß, dass alle Leute im Endeffekt die Buddhanatur besitzen, egal wie versteckt dieses klare Licht ist.

Man hat vier Ebenen, die gute Liebe, die gebende Liebe, die reiche Liebe, wenn man gibt und mitfühlend ist, und die schlechte Liebe, die nicht im Hier und Jetzt stattfindet, sondern im Morgen und Gestern, die nicht freisetzen will, sondern begrenzen und einengen. So eine Liebe freut sich nicht, wenn der Partner etwas lernt und sich entwickelt, sondern denkt nur, jetzt wird er oder sie klüger als ich und läuft mir davon. Diese eifersüchtige, enge, neidvolle und erwartende Liebe sollte man wirklich wegwerfen, sobald man die ersten Anflüge davon erlebt. Einengende Kontrolle ist für niemanden gut. Man soll den Leuten Freiheit geben und sie gehen lassen. Wenn sie zurück kommen, dann gehören sie zu einem, wenn sie weggehen, dann werden sie anderswo glücklicher. Alles, was anhaftet, erwartet und klebt, ist nicht gut, alles, was frei ist, ist gut.