Tag Archive for “Handeln zum besten Anderer”

Was ist die Ursache, dass man bei den Leuten manchmal nicht ankommt, obwohl man etwas Gutes tun will?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ich denke immer, das Karma der Leute war nicht gut genug. Und dann gehe ich fröhlich an die nächste Aufgabe. Wenn du immer nach Fähigkeit dein Bestes tust, dann ist der Rest das Karma der anderen.

Jeder hat ja sein eigenes Karma. Nur in dem Maße, wie Ring und Haken zusammenkommen, und Offenheit da ist, kann man den Leuten helfen. Wenn das nicht möglich ist, muss man ihnen passiv ein paar gute Energien ins Energiefeld geben und irgendwann, wenn sie einmal vergessen, an sich selbst zu denken, sickert es durch.
Es ist natürlich auch die Frage, wie geschickt du es anbringst. Es gibt Leute, die können lange Unterhosen in der Sahara verkaufen, und andere verkaufen sie nicht mal in Grönland. Dann kannst du es zu den Erfahrungen legen und lernst dadurch. Vielleicht gibt es später eine Lage, wo du besser handeln kannst. Aber das Gefühl ist nur die Verpackung, das Wichtige ist die Tat! An Gefühlen bastelt man sich ja alles Mögliche zusammen. Sie waren aber früher nicht da, und später sind sie auch nicht da – das Wichtige ist die Tat. Dann kann man sehen, ob es den Wesen nutzt, und sich freuen, dass man eine gute Einstellung hat.

Ist es nicht egoistisch, seine freie Zeit nur für die eigene Praxis zu verwenden? Soll man im Diamantweg nicht vorrangig anderen helfen?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ich versuche da, nicht zu steif zu werden. Wenn die Leute etwas für sich selbst tun, dann sage ich immer: „Tu es mit der Einstellung, später mit anderen teilen zu können und ihnen zu nutzen.“

Und wenn die Leute etwas Gutes für andere tun, dann sage ich: „Freu dich, dass du die Möglichkeit hast, gutes Karma für dich selbst aufzubauen!“ Viele Leute haben die Idee, dass man sich zuerst selbst stark machen müsse, bevor man anderen helfen kann. Andere wollen unter allen Umständen helfen, ohne sich selbst stark zu machen und können dann nicht viel helfen. Diese beiden extremen Zustände gibt es sehr oft. 
Ich  rate den Leuten immer, das ganze Blickfeld zu sehen und sich so wenig wie möglich von den anderen zu trennen. Denkt man „Tu ich etwas Gutes für mich, dann mögen andere auch Glück haben!“, dann sieht man das als Quelle, um mehr für andere tun zu können. Und tut man etwas für andere, freut man sich, dass man dabei gutes Karma und etwas Einsicht bekommt. Diese Vorstellung von „ich“ und „ihr“ zu durchtrennen, ist eine sehr gute Idee. Alles ist die Kunst des Möglichen.
Im Buddhismus gibt es ja drei verschiedene Weisen, den Wesen zu nutzen. Du kannst ihnen als König nutzen: Zuerst machst du dich selbst stark und dann teilst du mit anderen. Du kannst den Leuten auch als Fährmann nutzen: Man denkt, jetzt kommen wir alle gemeinsam ans andere Ufer. Und schließlich kannst du den Leuten als Hirte helfen: Man bringt die anderen durch und erst dann sich selber.
Das Christentum verwendet vor allem das Hirtensystem. Allerdings ist hier immer auch die Opferrolle dabei, die Einstellung, dass das Helfen schwierig und leidvoll sein muss. Das hat man von Jesus mitbekommen, der es den Leuten durch sein eigenes Opfer und sein eigenes Leid vorgeführt hat. Im Buddhismus ist das ganz anders. Bei uns ist das Helfen höchste Freude und etwas völlig Natürliches. Haben die Leute gutes Karma, dann kommen sie an dem Tag, an dem man erfolgreich ist, und haben sie schlechtes Karma, dann kommen sie an dem Tag, an dem man Fehler macht. Dabei tut man immer sein Bestes und sieht, was läuft. Es gibt kein Gebot von oben – ein sich entfaltender Geist ist vielleicht nicht immer gleich begabt, aber grundlegend ist er einfach nett. Man tut, was man kann, und die Leute kriegen dann je nach ihrem Karma etwas Nützliches oder weniger Nützliches. Je mehr du es genießt, anderen zu nutzen, desto besser.

Besteht nicht die Gefahr, übergangen oder missbraucht zu werden, wenn man immer selbstlos handelt?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Einige Leute haben von „selbstlos“ die Vorstellung, dass man sich selbst klein macht und die anderen hochhebt. Aus der christlichen Sichtweise heraus sind wir gewohnt, „entweder-oder“ zu denken – das eine klein, das andere groß zu machen. Aber das ist zu einfach.

 Wenn man denkt, dass man selbst in einer bestimmten Lage am meisten tun kann , kann selbstlos handeln auch bedeuten, dass man sich selber nach vorne bringt. Es bedeutet, dass man in jeder Lage das sucht, was zum Besten aller die höchste Ebene vertritt.
Die schlechten Trips anderer Leute nicht ernst zu nehmen, ist das Selbstloseste, was man tun kann. Man gibt keine Energie hinein und spielt nicht mit. Man sieht solche Trips als einen Hasen mit Hörnern an, wie die Tibeter sagen – als etwas, das es gar nicht gibt. Stattdessen bringt man den besten Trip nach vorn. Man ist der höchsten Wahrheitsebene verpflichtet und lässt das wachsen, was als Bestes in einer gewissen Lage geschehen kann.

Kann man denn ständig zum Nutzen anderer handeln, muss man nicht auch mal an sich selber denken?

Antwort von Lama Ole Nydahl: 
Wenn man so denkt, hat man die Dinge grundlegend falsch verstanden. Denn in dem Maße, wie wir für andere arbeiten, tun sie auch etwas für uns. Natürlich muss man begabt handeln. Einem Schmarotzer soll man kein Geld geben, und Leuten, die schwierig sind, gibt man keine Möglichkeit, schwierig zu sein. Wenn einem jemand immer am Rockzipfel hängt, soll man sich nicht ausnutzen lassen, denn das bringt keinem etwas. Das Beste ist ein fröhlicher Austausch mit anderen, wenn jeder gibt, was er hat.

Je mehr du auf menschlicher Ebene gibst, desto mehr bekommst du. Der Geist ist wie ein Brunnen: Wenn Du ständig Wasser nimmst, ist es immer frisch. Wenn du nichts nimmst, dann liegen irgendwann fünf tote Frösche drin und du kannst es nicht trinken.
Ich würde gar nicht so sehr an mich selbst denken. Wenn man an sich denkt, hat man nämlich Probleme, und wenn man an andere denkt, hat man Aufgaben! Ich würde dieses Ich überhaupt nicht reinbringen. Ich würde versuchen zu sehen, was am meisten nutzt. Einmal ist es vielleicht am nützlichsten, etwas für sich selbst zu tun, ein andermal, etwas für andere zu tun. Mal ist es vielleicht so , dass man Klimmzüge macht, um selbst stark zu werden, und ein andermal trägt man dann für jemanden ein Klavier ins nächste Stockwerk. Handelt man auf diese Weise, hat man nicht so viele Begriffe dabei. Man tut, was vor der Nase ist und hat immer ein Gefühl von „Wir“, dann bleibt es groß.
Man macht dabei auch die Erfahrung, dass wir uns alle gegenseitig bedingen. Wenn man mit der Einstellung anfängt, etwas für sich selbst zu tun, dann muss man die Spur wechseln und zu der Erfahrung kommen, dass es um ein „Wir“ geht. Wenn man nicht zwischen „ich“ und „wir“ trennt, sondern tut, was anliegt, was Spaß macht und im Moment fließt, dann kriegt man alles geschenkt. Dann entstehen die Kraftkreise und die Verbindungen. Möglichkeiten verdichten sich aus dem Raum, man ist immer zu Hause. Das Wichtigste ist, immer in der Mitte zu sein, in sich zu ruhen, in sich Vertrauen zu haben. Aus dieser Mitte, aus dem Überschuss und aus der Kraft heraus handelt man dann.

Wir wollen zum Besten aller Wesen arbeiten, sind aber nicht erleuchtet. Wie sollen wir wissen, was langfristig das Beste für die Wesen ist?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Herauszufinden, was Glück bringt und was auf den falschen Weg führt, kann ein bisschen schwierig sein. Ich würde deshalb einfach die alte Bauernweisheit verwenden: Was man gerne möchte, dass andere mit uns tun, das sollte man auch mit anderen tun. Ich würde dabei mit dem Selbstverständlichen anfangen, mit dem, was die Leute gerne mögen. Man ist nett zu ihnen und vermeidet, ihnen Schaden zuzufügen.

Es gibt drei verschiedene Ebenen, den Wesen zu nutzen: Auf der ersten gibt man ihnen Essen und Vitamine, aber vielleicht keine Flasche Schnaps, wenn sie noch nach Hause fahren sollen. Man tut, was vor der Nase ist. Man deckt materielle Bedürfnisse und hilft den Leuten für eine kurze Zeit. Das Beste, was du als guter Buddhist machen kannst, ist, weit in die Zukunft zu blicken und die großen Probleme, wie zum Beispiel die Überbevölkerung, zu sehen. So kannst du nach den Ursachen suchen und diese entfernen. In Ruanda  beispielsweise gibt es entschieden zu viele Leute auf zu wenig Platz. Wenn sie sich schlecht behandeln, haben sie keinen ordentlichen Lebensstandard, keine ordentliche Ausbildung und kein ordentliches Leben. Und du schaust weit voraus und sagst: „Kondome statt Kanonen nach Afrika!“ Dann redest Du mit Freunden, vielleicht kennt einer auch einen Mann im Bundestag, der beispielsweise sagen könnte: „Wir müssen aufpassen, dass uns die warmen Länder nicht überrollen und dann alle arm werden, denn sonst kann man auf Dauer gar nichts mehr tun. Und wenn sie weniger Kinder kriegen, können sie auch besser leben.“ So setzt du allmählich ein Bewusstsein in Gang. Ich würde aber nicht in Sachen eingreifen, wo du nicht unmittelbar etwas tun kannst.
Auf der zweiten Ebene deckt man die Bedürfnisse nach dauerhaften Dingen. Man macht die Leute selbstständig, zum Beispiel durch Erziehung und Ausbildung und lehrt sie, mit dem eigenen Leben klarzukommen. Aber das hilft auch nur bis zum Grab, zu dem der reiche Mann vielleicht in einem halben Meter längeren Auto gefahren wird und vielleicht auch mehr Schulden hinterlässt.
Aber das Beste, was man den Leuten geben kann, ist, sie mit der Lehre in Verbindung zu bringen, sie auf ihre eigene Buddhanatur aufmerksam zu machen. Alles, was die Leute selbstständig macht, ist gut. Und das, was sie einengt, abhängig und schwach macht, ist nicht gut. Jedes Mal, wenn du den Leuten Vertrauen zu sich selber und zu ihren Möglichkeiten gibst, hast du etwas sehr Gutes getan. Das tut auch der Buddha. Er sagt ja nicht „zehn Prozent mehr für die Arbeiter“, sondern bringt uns auf eine Ebene, wo es weniger Gier, Geiz oder Eifersucht gibt. Man zeigt den Leuten die zeitlose Raum-Klarheit ihres eigenen Geistes. Man zeigt ihnen das, was zwischen den Gedanken liegt, das weiß, was gedacht und erlebt und gefühlt wird. Wenn man den Leuten mehr Platz zwischen den Ohren oder den Rippen gibt oder wo auch immer sie ihren Geist vermuten, dann hat man ihnen wirklich geholfen. Man handelt also ganz praktisch Stufe nach Stufe. Man lernt durch Übung. Wenn man immer wieder versucht, sein Bestes zu ihrem Nutzen zu tun, liegt man selten falsch.

Beim Bodhisattva-Versprechen geht es ja darum, allen Wesen helfen zu wollen. Wie geht man damit praktisch um?

Als Hannah und ich praktisch als erste  1972 anfingen, dachte ich auch, dass ich jetzt für alle Leute alles tun müsste. Ich habe das versucht und bin flott auf die Nase gefallen. Denn wenn der Hut nicht passt, dann passt er einfach nicht. In der Zwischenzeit bin ich von dem hohen Ross heruntergekommen, allen Wesen nutzen und helfen zu wollen. Stattdessen halte ich mich an die, die verstehen können, was ich sage.

 Glücklicherweise sind wir nicht die Einzigen, die etwas für andere tun. Bei Sozialisten, Christen, Hindus und bei anderen buddhistischen Schulen gibt es Leute, die auch für diejenigen da sind, die nicht mit meiner Arbeitsweise und mit unseren Gruppen klarkommen. Wir brauchen uns aber nicht um psychisch Kranke und um Sozialfälle zu kümmern, denn es gibt Leute, die dafür bezahlt werden und entsprechend ausgebildet sind. Und über deren gute Arbeit freuen wir uns.
Wir tragen mit unseren Steuern ja auch unseren Teil dazu bei – für jeden Liter Benzin, den wir tanken, beispielsweise 80 Cent und auf alles, was wir kaufen, 19 % Umsatzsteuer. Deswegen müssen wir nichts anders tun, als unserer Sache treu zu bleiben. Wir tun das, was richtig ist und was wir selbst verstanden haben. Weil es andere Hüte gibt, die auf andere Köpfe passen, müssen wir unsere Belehrungen weder verwässern, noch sie einfacher machen. Es ist gar nicht unsere Verantwortung, etwas zu bringen, was einem jeden passt. Wir wollen aber das, was wir haben, klar und sinnvoll übermitteln. So kann jeder, der den Kopf oder das Herz dazu hat, mit einer reinen Übertragung und einer klaren Belehrung in Verbindung kommen.
Wir kümmern uns um die Leute, die nirgendwo sonst etwas finden würden. Um Leute, die zu kritisch und selbstständig sind und zu klar denken, als dass sie sich unter einem Gott oder einem hierarchischen System zuhause fühlen könnten. Diesen Leuten bieten wir ein Feld, wo sie wachsen und lernen können.

Wie kann man Leuten helfen, die in ihrer schwierigen Lage so gefangen sind, dass sie sich nicht selbst befreien können?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Anstatt die Leute zu Sündern zu machen, baut man zunächst einmal eine menschliche Brücke. Vielleicht ist man der einzige, der sich ein bisschen Zeit für den Betreffenden nimmt.

 Wenn du zum Beispiel zum Schlachter kommst, bist du erst mal freundlich, redest nicht moralisch und zeigst nicht darauf, wie viele Tiere sterben mussten. Das macht nur alles kaputt. Hast du so nach einiger Zeit eine gute Verbindung geschaffen, bist du vielleicht der einzige, dem sich der Schlachter etwas öffnen kann. Vielleicht sagt er: „Eigentlich habe ich viele schlechte Träume und habe oft Angst“. Dann kann man sagen: „Vielleicht kriegst du ja etwas von der Angst der Tiere mit, die du umbringst.“ Man sagt das aber nur ganz kurz, damit er nicht denkt, dass man ihn belehren will. Und wenn er das verdaut hat, gibst du ihm irgendwann den Tipp: „Es gibt gerade eine neue Stelle bei der Post. Hättest du nicht Lust, vielleicht lieber dort zu arbeiten?“
Anderen zu helfen, bedeutet aber auch nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Es gehört auch dazu, dass man Leute stoppt, wenn sie Fehler machen. Aber selbst mit den schwierigsten Leuten darf man das Band nicht brechen. Vielleicht ist man auch hier ihr einziger Kontakt. Man muss dann einen wirklich langen Atem haben und die Leute immer wieder aufbauen.

“Einerseits soll man Verantwortung übernehmen, andererseits die Dinge nicht so ernst nehmen. Wie passt denn das zusammen?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Man kann schon Verantwortung übernehmen. Man darf dabei nur keinen tierischen Ernst entwickeln, sondern ruhig mit ein bisschen Humor und Weitblick sehen, was man tun möchte und was sinnvoll ist. Hat man Humor und kann man die Sachen allgemein sehen, entsteht niemals ein Problem. Man darf nur nicht wie eine Maschine ohne Öl laufen. Ich habe vielleicht 100000 Schüler rund um die Welt und Leute, mit denen ich eine Verbindung habe. Das nehme ich ernst.

Dafür gebe ich 24 Stunden am Tag, aber mit guter Laune, nicht mit schlechter. Man tut das, was nötig ist, aber macht keinen großen Trip daraus.

“Ist man noch in der Lage, praktische Entscheidungen zu treffen, wenn man durch die Meditationspraxis auf eine Ebene kommt, wo man nicht mehr so stark wertet und nicht mehr in Begriffen wie ,,Gut“ und ,,Böse“ denkt?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ich rede nicht davon, dass man die Leiden und Schwierigkeiten der Welt nicht mehr sehen soll.. Es geht darum, davon nicht selbst gefangen zu sein. Wenn der Bart nicht mehr im Briefkasten steckt, wenn man von seinen Störgefühlen nicht mehr gebunden ist und man die Möglichkeiten der Wesen sieht, dann kann man aus Überschuss und Kraft heraus handeln.

Es geht darum, dass du selbst eine Ebene erreichst, wo du nicht verwundbar bist. So wirst du fähig, für andere zu arbeiten. Bist du selbst nicht mehr von eigenen Schwierigkeiten gefangen, kannst du die Schwierigkeiten der anderen sehen und das tun, was ihnen auf lange Sicht hilft. Nicht so wie Politiker, die nur zwei Jahre bis zur nächsten Wahl vorausdenken. Man ist eher wie ein Staatsmann, der schaut, wie es in 100 Jahren in Deutschland, Dänemark oder Europa aussieht. Man hat Weitblick. Man wird sich um das wirklich Wichtige, um das Langfristige kümmern. Ob die Leute jetzt gerade fünf Cent mehr in die Lohntüte kriegen, ist nicht ganz so bedeutend. Das Wichtige sind Dinge wie Freiheit, Entwicklung, die Stellung der Frau und dass die Leute hell im Kopf bleiben.

“Es gibt Leute, die ziemlich stolz auf ihre langjährige Praxis oder ihre ,,engen Kontakte” zum Lama sind, und Anfängern herablassend begegnen. Kannst du dazu etwas sagen?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Wenn man anderen helfen will, ist Stolz das Schlimmste. Man hält sich für etwas Besseres, schneidet sich von den Leuten ab und lässt sie sich doof fühlen. Man ist wie ein Radfahrer, der nach oben buckelt und nach unten tritt – völlig unbuddhistisch!

Ich bestehe bei euch darauf – vor allem bei denen, die nahe mit mir arbeiten – dass ihr die ersten Diener der Leute seid, wie Friedrich der Große im alten Preußen sagte. Denn Loyalität, das Nach-oben-Schauen, ist vielleicht das stärkste Gefühl ist, das es gibt. Natürlich soll man sich von oben inspirieren lassen. Aber man soll auch solidarisch sein und an die anderen denken, die schwächer sind. Wir müssen lernen, nicht nur loyal zu sein, sondern auch zu sehen, was man für andere tun kann. Das ist eine total kostbare menschliche Eigenschaft. Aber sie muss erst erlernt werden, denn sie fängt erst ab einer gewissen Bewusstseinsstufe an. Da verpflichte ich euch alle. Ihr müsst immer denken: „Ich bin für die Leute da.“ Ihr dürft nicht denken: „Ich hab jetzt keine Zeit“ oder „den halte ich ein bisschen kurz“.

Man soll niemals denken, ein Problem sei zu doof. Natürlich sind 90 Prozent aller Probleme ziemlich doof, aber sie sind für die Leute ein Teil ihres Wachstums. Und wenn man ihnen dann nicht gibt, was ihnen fehlt, kommen sie nicht weiter. Vielleicht ist es für uns doof, die ein paar Jahre länger meditiert haben oder im letzten Leben mehr getan haben. Aber für die Leute sind die Probleme wirklich. Deshalb müssen wir darauf eingehen, wirklich unser Bestes tun und überhaupt keinen Gedanken mit „besser oder schlechter“ haben. Man soll wirklich der demütigste Diener sein für jeden, der kommt.

Das ist natürlich schwierig. Man ist in Eile, in Zeitnot. Man ist es auch nicht gewohnt: Im Geschäftsleben muss man es auch nicht tun, aber im Buddhismus schon! Das gilt für euch alle, in den Zentren und für die, die mit mir reisen. Wenn die Leute nur stänkern wollen, kann man schon sagen: Red’ mit dem da drüben. Oder man schickt sie weg. Aber wenn sie ein Anliegen haben, muss man darauf eingehen und nicht denken, man ist besser.

“Ich fühle mich oft von den vielen Erwartungen bedrängt, die meine Familie an mich heranträgt. Wie kann ich den Stress reduzieren, ohne jemanden zu enttäuschen?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Entweder gibt man den Leuten Fisch, oder man bringt ihnen das Fischen bei. Wir als Buddhisten sollen den Leuten das Fischen beibringen, sie selbstständig machen. Wir spielen mit den Kindern, bis sie gelernt haben, alleine zu spielen. Und dann können wir mal bei ihnen sein, mal auch etwas anderes tun. Wenn man ständig und bewusst darauf abzielt, dass die Leute autonom und selbstständig werden, sich entfalten und mit voller Beherrschung ihrer Fähigkeiten dastehen, kann man viel bewirken.

Wenn man es unter diesem Blickwinkel sieht, ist es gar nicht so schwierig, mal eine halbe Stunde einzusetzen, auch wenn man müde nach Hause kommt. Und danach sagt man: „Jetzt kommen die Nachrichten, die will ich sehen.“ Und anschließend widmet man seiner Familie nochmals ein bisschen AufmerksamkeitDass die Generationen gerade auseinander gehen, ist ja die eigentliche Belastung. In allen Gesellschaften werden die Kinder von den Großeltern erzogen, während die Eltern draußen sind und arbeiten. Dass jetzt die Alten in Altenheimen sitzen und die Starken, die eigentlich produzieren und hart arbeiten sollten, sich den ganzen Tag um die  Kinder kümmern  müssen, ist ein ziemlicher Verschleiß.

“Stimmt es, dass man alles machen kann, wenn nur die Einstellung stimmt?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Auf der absoluten Ebene stimmt das, wie eine Geschichte aus Tibet zeigt: Ein Verwirklicher kam zu einem Schlachthof, in dem eine vollkommen wilde Frau alles kurz und klein schlug, was in ihre Nähe kam. Die Leute waren empört, aber der Verwirklicher sah, dass sie eine hohe Dakini war, und verbeugte sich vor ihr. Da legte sie ihr blutiges Messer auf seinen Kopf, und er entwickelte im Nu 21 ganz besondere Fähigkeiten. Ist man wirklich auf der höchsten Ebene und stimmt die Einstellung, kann man alles tun. Wenn man zum Beispiel die Geister der Wesen befreien kann, die man tötet, kann man Schlachter oder Soldat werden und dann die Reinen Länder überfüllen.

Aber solche Beispiele sind recht selten. Meistens stehen die Leute immer noch innerhalb von Ursache und Wirkung. Und sind sie jenseits  von Ursache und Wirkung, dann sind sie bereits befreit oder erleuchtet. Dann haben sie aber Beispielwirkung und müssen aus diesem Grund auch wieder aufpassen.
Auch wenn man alles Mögliche tun kann, ohne selbst gestört zu werden – wenn andere dann glauben, auch sie könnten es tun, obwohl sie dazu nicht in der Lage sind, dann fallen sie auf die Nase. Lebt man als Verwirklicher draußen in den Bergen, kann man so wild sein, wie man will. Lebt man aber in der Gesellschaft, hat man Verantwortung.

In 90 Prozent aller Fälle fährt man mit den äußeren Versprechen am besten. Um  außergewöhnliche Mittel einsetzen zu können, müssen schon ganz besondere Energien und Fälle da sein.