Tag Archive for “Die Zentren”

“Wenn wir im Zentrum zusammen was ausarbeiten wollen, gibt es manchmal Probleme zwischen den Leuten, die dazu führen, dass alles sehr konfus wird und am Ende gar nichts beschlossen wird. Was kannst du uns raten?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ich mache das immer nach dem Sandkasten-Prinzip: ,,So, wer spielt lieber mit der Schaufel, wer mit dem Bagger, usw.”. Man zerlegt die Aufgabe in mehrere Teile und fragt dann: ,,Wer will dies übernehmen, wer will das machen?” Und wenn keiner sich meldet, dann fragt man: ,,Gibt es irgendein Problem, das jemand ansprechen will?” Da meldet sich sicher jemand. Und dann sagt man: ,,Gut, da liegt offenbar dein Interesse. Hast du Ideen dazu, wie man das lösen könnte?”. Man fragt:,,Wer interessiert sich noch dafür?” und wenn sich ein paar gefunden haben, dann sagt man: ,,Gut, das ist euer Ding, setzt euch rüber und checkt das.”

Wenn man lange herumsitzt und schwätzt, dann ist das auch gut für die Kaffeeindustrie, und die Leute, die Sessel verkaufen, sollen ja auch leben. Aber wenn man was machen will, dann immer die Sachen frisch halten, durchschneiden, keine Trips erlauben, alles konstruktiv machen und sagen: ,,Du machst das, du machst das, du hast da ne Klage, gut, dann bist du Fachmann für das.”

Ich denke immer, alle sind Ehrenleute, alle wollen das Beste und jeder hat Erfahrung, die wichtig ist. Man muss den Leuten etwas zutrauen und ihnen auch Verantwortung übertragen, nicht nur Hilfsarbeiten. Ist das Ergebnis nicht gleich perfekt, dann bespricht man das und lässt es sie noch einmal überarbeiten. Auf diese Weise spielt man mit den Dingen, bis alle zufrieden sind. Das geht gut und spart viel Zeit.

“Warum gründest du so viele Zentren?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Weil Praxis bei uns das Wesentliche ist. In den Vorträgen gebe ich den Leuten Vertrauen zu etwas in sich selbst, und wenn sie dann in die Zentren gehen, dann können sie dieses Vertrauen untermauern, mit den dortigen Lehrern arbeiten und mit den Freunden gemeinsam praktizieren.

Der einzige Sinn der ganzen Arbeit, die wir tun, ist, dass die Leute den Überschuss bekommen, um besser leben, sterben und wiedergeboren werden zu können. Die Mittel, die wir haben, sind 2500 Jahre alt und sehr, sehr effektiv. Und deshalb halte ich es für wichtig, was wir tun.

“Du hast einmal gesagt, dass ein modernes Mahamudra durch die Zentren arbeitet. Wie meinst du das?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Wir sind ja alle Kagyüs, d.h. wir haben eine enge Verbindung zueinander. Das drückt sich nicht dadurch aus, dass wir uns jeden Tag sehen, sondern dadurch dass die einzelnen Gruppen Kraftfelder haben, die über mich mit Karmapas Kraftfeld in Verbindung stehen.
Wenn man in so eine Gruppe geht, dann lernt man immer etwas über sich selbst. Die  Grundeinstellung ist die des Mahamudra: Man weiss, wir sind alle Teile einer Ganzheit und Subjekt, Objekt und Tat sind grundlegende Ausdrücke derselben Wahrheit.

Deshalb ist der Besuch im Zentrum entweder eine Reinigung oder ein Segen, aber immer ein Spiegel, der einem das eigene Gesicht zeigt. Und deswegen ist es besser, im Zentrum gut zu meditieren als auf dem Knie des Lehrers zu sitzen und woanders hinzuschauen. Wenn man sein Bestes tut, die Bände hält und ein starkes Gefühl hat, dann ist der Lehrer da. Denn der Lehrer ist der Raum.

Sicher muss man den körperlichen Lehrer auch ab und zu sehen, damit man nicht abhebt oder stolz wird, damit man sich checken kann und damit man mal was Neues hört.
Aber die Gruppen sind die Vertreter des Lehrers: Da bekommst du die Belehrung, die Meditation, die Mittel, da triffst du Leute, die die Übertragung und den Segen haben, und in der Weise wächst  alles.

“Wenn es um Entscheidungen im Zentrum oder der Gruppe geht: Soll man selbstständig handeln oder grundsätzlich den Lama fragen?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Wenn es um die Meditationspraxis geht, dann soll man nichts eigenständig abändern, denn das ist von Karmapa so festgelegt worden. Aber wie man sie den Leuten vermittelt, kann von Fall zu Fall variieren. Das kann jeder nach seinem Gefühl und seinen Fähigkeiten machen.

Wenn es um größere Entscheidungen auf der alltäglichen Ebene geht, also z.B. wen man als neuen Zentrumsbewohner aufnehmen soll, dann kann man schon fragen, wenn man sich unsicher ist. Wenn aber die Leute, die das Zentrum leiten, ein gutes Gefühl haben, können sie auch alleine entscheiden. Selbst dann, wenn es nicht dauerhaft funktioniert und der Neue zieht nach ein paar Jahren wieder aus, kann er doch in der Zeit, wo er da war, nützlich gewesen sein und gute Einflüsse mitgebracht haben.

Mein Ziel ist, dass jeder so schnell wie möglich selbständig wird. Immer wenn ihr auf irgendeinem Gebiet etwas lernen könnt, was euch festigt und abrundet, dann rate ich euch, das zu machen.
Selbstständigkeit ist das Ziel. Aber ab und zu hat der Lama Spezialwissen und dann fragt man. Nur wenn man sowieso schon weiß, was man machen will, dann fragt man nicht.

“Du hast doch ziemlich viele Schüler. Wie schaffst du es, mit ihnen in Verbindung zu bleiben und welche Rolle spielen die Zentren dabei?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Letztendlich geht es ja nicht um etwas Persönliches, sondern darum, dass die Leute selbstständig und erwachsen werden. Es geht darum, dass sie verstehen, dass ihr Geist Klares Licht ist. Dann werden sie furchtlos, fröhlich und liebevoll.
In den letzten paar Jahren sind wir ganz stark gewachsen, und das liegt hauptsächlich daran, dass viele meiner Schüler jetzt so gut sind, dass ich ihnen voll vertrauen kann und sie um die Welt schicke, um selbst zu lehren.

Ich habe ungefähr 400 Zentren rund um die Welt gegründet, und das heißt, ich kann gar nicht mehr jedes Zentrum jedes Jahr besuchen . So – es ist ganz wichtig, dass die Freunde überall zupacken können. Ich finde es toll, was meine Schüler und Freunde in den Zentren bringen. Die sind tatsächlich Idealisten. Wir arbeiten mit minimalen Budgets, wie haben keine dicken Geldleute im Hintergrund. Ganz viel von dem, was hier reinkommt, geht sofort nach Rußland und in die Ostländer, um da was aufzubauen. Keiner nimmt etwas für seine Arbeit. Wirklich, das ist alles ehrenamtlich und sie tun eine sehr, sehr gute Arbeit. Das ist wirklich flott.

Und der Grund, dass wir alle dieses Band halten können und Freunde bleiben können, ist erstens, dass es um menschliche Entwicklung geht, wo ja jeder was davon hat und etwas dabei erlebt, und zweitens, dass es um gesunde Vernunft geht. Es geht ja darum, ein bisschen Humor und Freude, Vertrauen,Überschuß und Kraft zu entwickeln. Und die Mittel zu bekommen, die das ermöglichen.

Dass das geschehen kann heute in unserer materialistischen Zeit, dass die Leute die Nacht durchmachen und ohne irgendetwas dafür zu bekommen, mein Manuskript fertig klappern oder Briefe an 500 Leute schicken, von denen nur 50 antworten, ist total rührend. Und ich bin richtig froh und richtig stolz, so eine Bande in Gang gesetzt zu haben. Das muß ich sagen. Ich fühle mich richtig gut dabei.

“Manchmal bezeichnet man die Gruppe der Leute, die im Zentrum aktiv sind, als ,,Mandala”. Was bedeutet das?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Mandalas sind selbstentstandene Erleuchtungskraftkreise. Man verwendet die Bezeichnung auch für die Personen, die zu dem Kraftkreis dazugehören, indem sie sich auf ein erleuchtetes Prinzip einstellen  Bezogen auf die Gruppen, zu denen ich eine Verbindung habe, ist es so:  Solange wir Freunde sind, ehrlich zueinander sind und uns gegenseitig vertrauen, solange wird das, was in den Zentren geschieht, den ganzen Schutzkreis von Karmapa ausdrücken.

Wichtig ist, dass diese Mandalas überpersönlich sind: Ein dänisches Sprichwort sagt: Der Friedhof ist voll von unersetzbaren Menschen Wie oft man auch denkt: ,,Alles hängt an mir, ohne mich geht gar nichts”: Sobald irgendeiner wegfällt, verschiebt sich etwas im Kraftkreis und andere Leute übernehmen den Job. Neue Aspekte kommen herein und vielleicht klappt alles sogar besser als vorher.

Viele denken, dass die Aktiven im Zentrum ganz uneigennützig und aufopfernd nur für die anderen arbeiten und halten sich deshalb lieber heraus, weil sie befürchten zuwenig Zeit für die eigene Praxis zu haben. Aber tatsächlich macht man die Zentrumsarbeit auch für sich selbst: Denn wer es zu jeder Zeit schafft, ein ordentliches Beispiel abzugeben und sich nicht hängenzulassen, wenn Leute kommen und etwas von einem hören wollen, der erfährt echtes geistiges Wachstum. Wenn man sich eben nach langer, harter Arbeit selber auf die Schulter klopfen will, dann stehen sie wieder da mit ihrem Onkel, der überhaupt nichts verstanden hat und um den man sich kümmern soll. Wenn das immer so weiter geht, dann vergisst man irgendwann, sich auf die Schulter zu klopfen und das Ego verhungert kläglich. Dann ist alles Spaß, alles macht Sinn, dann bekommt man alles geschenkt.  Da wollen wir hin.

Das ist ein kleines Geheimnis: Man macht die Arbeit für andere, aber wer sie macht, hat selbst den größten Vorteil.

“Wenn man nur wenig Zeit hat, ist es dann besser, bei der Zentrumsarbeit mitzumachen oder eigene Praxis zu machen?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ich würde versuchen, beides zu machen. Wenn es im Zentrum viel Arbeit gibt, dann da mithelfen, und ansonsten eigene Praxis machen. Das Beste wäre sogar, die eigene Praxis so oft wie möglich im Zentrum zu machen. Denn dann hält man den Kontakt zu den Freunden dort und kann von ihnen lernen. Ausserdem zieht es neue Leute an, wenn immer jemand vom Zentrum da ist, ob er nun in der Küche sitzt, Kaffee trinkt und ansprechbar ist oder praktiziert und so ein gutes Beispiel gibt.

“Was ist die eigentliche Aufgabe der Zentren und der Leute, die dort mitarbeiten?”

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Der Sinn eines Zentrums ist , eine Stelle zu bieten, an der sich die Leute entfalten können. Buddhismus hat nur ein einziges Produkt, und das sind erwachsene, selbstständige Menschen. Andere Religionen bauen Tempel für ihre Götter, aber wir machen unsere Zentren nicht für Buddha, sondern für uns selbst, damit Stellen da sind, an denen wir wachsen und lernen können.  Dafür sind Freiheit, Offenheit und größtmögliches Vertrauen unter den Leuten wichtig, denn nur in dieser Weise kann alles wachsen. Es ist ganz wichtig, dass man den Leuten vertraut. Wenn man sie wie Kinder behandelt, dann werden sie ewig Kinder bleiben. Wenn man ihnen aber vertraut und ihnen Verantwortung überträgt,  dann werden sie erwachsen.

Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass es wichtig ist, im Zentrum mehrmals in der Woche eine halbe bis ganze Stunde zusammen zu meditieren. Denn in dem Raum und Überschuss, der dadurch entsteht, wächst man zusammen, man ergänzt sich und wird zur Ganzheit. Alles andere kann man sich entwickeln lassen. Was man gerne mit den anderen zusammen macht, soll man tun, aber es muß auch dafür Platz sein, dass jeder seinen eigenen Lebensrhythmus finden kann. Wer im Zentrum wohnt, sollte allerdings schon Interesse haben, sich in die Arbeit einzubringen.
Wenn neue Leute ins Zentrum kommen, soll man dafür sorgen,dass sie sich wohl fühlen. Es gab vor 10 Jahren in Dänemark eine Zeit, in der die Leute in den Zentren so beschäftigt waren mit Schaffen und Machen, dass Leute, die neu dazukamen nur,,breite Rücken" sahen d.h. da war kein Überschuss und keine Zeit und so sollte es nicht sein.
Man sollte den Neuen das Gefühl geben, daß sie gerne gesehen sind, dass ihre Fragen beantwortet werden und dass sie unverbindlich kommen können, so oft sie wollen.
Man gibt ihnen Literatur, aber man redet  nicht zuviel an sie hin und versucht nicht übereifrig, sie am ersten Tag von allem zu überzeugen.

Man gibt ihnen ein ehrliches und freundliches Angebot und die Leute können sich dann selbst entscheiden.
Man sollte grundlegend den Leuten ihre Freiheit lassen und ihnen Vertrauen und Raum geben, das ist ganz wichtig. Oft ist der schwerste Schritt, den ein Mensch jemals macht, der über die schmale Schwelle des buddhistischen Zentrums. Damit  öffnet er sich völlig neuen Einflüssen und Möglichkeiten. Er ist nicht geschützt, sondern er muss sich voll auf Leute verlassen, die er kaum kennt, denn er ist nicht der Experte, was man mit dem Geist alles machen kann.
Deshalb hat man eine große Verantwortung für die Leute.