Tag Archive for “Zorn”

Ich habe das Problem, dass ich schnell die Geduld verliere und mir so immer wieder Ärger einhandle. Was kann ich dagegen tun?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Der Buddha sagte, dass Geduld – das Gegenteil von Zorn – zugleich das schwierigste und das schönste Kleid ist, das wir tragen können. Hierzu gab er ziemlich viele Ratschläge. Denn in den Gesellschaften der damaligen Zeit lebte man sehr eng zusammen. Zehn Menschen in einem Raum – da gab es viele Anlässe, aus der Haut zu fahren. Aber der Buddha rät uns wirklich, den Zorn loszuwerden, so gut wir können. Dafür gibt es viele Taktiken. Eine davon könnte man die „Stroboskop-Taktik“ nennen. Das heisst, dass ihr niemals ein komplettes Bild der Situation entstehen lasst und es als voll real erlebt. Sondern ihr nehmt eine Szene auf, dann die nächste, dann wieder die folgende und so weiter. Dann reagiert ihr auf die Situation, aber mit Distanz, und ihr werdet in Verbindung damit keinen Zorn oder Aggressionen haben.
Bedroht euch zum Beispiel ein Mann mit einem Stock in der Hand, und er kommt näher, dann sagt ihr euch: „Ok, Mann, Stock, rollende Augen, Gefahr!“. Normalerweise wird man dann vielleicht selbst zornig, nimmt einen Stock, der doppelt so groß ist und schlägt den Mann nieder. Ihr könnt aber auch anders mit der Situation umgehen und sagen „Hand, Augen, Fuß, diese und jene Bewegungen“, ihn packen, ihm den Stock abnehmen und zerbrechen, den Mann auf den Boden legen, ihm zeigen, dass es ein schlechter Trip ist – und dann lasst ihr ihn gehen.
 Es gibt auch andere Techniken. Zum Beispiel kann man denken: „Das ist mein schlechtes Karma, das jetzt reif geworden ist. Ich war früher schlecht zu ihm, und jetzt ist er schlecht zu mir.“ Die Beispiele, wo man Unangenehmes als Folge eigener Fehler sieht, sind die höchsten Beispiele des Mahayana. Wenn man das verwenden kann, so ist das sehr gut.
 Es gibt auch eine dritte Methode, die nicht direkt vom Buddha ist. Es ist meine eigene und nicht ganz orthodox. Sie ist ein bisschen von oben herab, aber nützlich. Ihr denkt: „Ich bin zehn Minuten mit ihm zusammen, und das ist unangenehm, der arme Mann ist aber jeden Tag 24 Stunden mit sich selbst zusammen.“ Wenn ihr dann kein Mitgefühl bekommt, dann habt ihr ein hartes Herz…
Man muss verstehen: Die Leute benehmen sich nicht schlecht, weil sie das wollen, sie benehmen sich schlecht, weil sie nichts anders können. Sie haben keine Kontrolle.

Was ist eigentlich Zorn?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Zorn ist der Wunsch, ein anderes Wesen zu schädigen. Die Bedingungen für echten Zorn sind:

-    ich weiß, du bist ein Mensch
-    ich mag dich nicht und will dich schädigen
-    ich tue es oder lasse es tun
-    und ich bin hinterher zufrieden damit.
    Das ist wirklicher Zorn. Dass man mal in die Luft geht und einen Fehler macht, ist eine ganz gewöhnliche Reaktion, aber dabei fehlt die klare Absicht, jemandem Leid zufügen zu wollen. Die meisten Menschen lassen sich reizen und handeln dann entsprechend unbedacht, aber nicht bewusst mit der Absicht, anderen Schaden zufügen zu wollen.

Wie entsteht Zorn?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Wenn man voll im Fluss der Dinge ist, entsteht kein Zorn. Die Voraussetzung zur Entstehung von Zorn ist eine Trennung im Geist: „Hier bin ich und da passiert irgend etwas“.

Wenn man diesen Unterschied nicht macht, kann man alles genießen, man teilt eine Ganzheit, alles fließt. Aber wenn du anfängst zu denken: „Ich hier und die da“ usw., dann wird es komisch. Das ist der Anfang, ab dem Zorn entstehen kann.
Dann gibt es noch den idealistischen Zorn. Er entsteht, wenn man denkt, die Sachen sollten eigentlich anders sein, als sie sind. Da stört mich auch manches. Zum Beispiel, was sich die Leute in Afrika gegenseitig antun, oder die in der islamischen Welt.  
Wenn man aber eher Mitgefühl hat und hofft, dass diese Menschen vielleicht in absehbarer Zeit ihre Schwierigkeiten geknackt haben, dann war man klug. Man kann den Zorn in Mitgefühl umkehren, das ist gut und kostet nichts. Zorn kostet viel.
Bis zur Pubertät macht man die Fortsetzung vom letzten Leben durch. Ab der Pubertät, wenn der große Motor der Sexualität angekurbelt wird und die Ich-Vorstellung und die Gewohnheiten stärker werden, schafft man sein neues Leben. Im Alter, so ab 60 Jahren, kann man den Menschen dann am Gesicht ablesen, was sie aus ihrem Leben gemacht haben. Da sieht man, ob das Glückliche oder das Leidbringende vorherrschend war. Wenn einer dann aussieht wie drei Tage Regenwetter, ist das schade. Man kann richtig sehen, wie der Zorn und die schlechten Gefühle immer stärker werden. Aber einer, der viele gute Gefühle hat, anderen Gutes wünscht, sieht auch am Ende seines Lebens richtig flott aus. Es ist wichtig, dass man hier aufmerksam ist.

Stimmt es, dass die eigentliche Ursache für den Zorn die Unwissenheit ist?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Ja, alle Leiden und Schwierigkeiten entstehen aus Unwissenheit. Wir wissen nicht, was Glück und Leid bringt, deshalb greifen wir immer wieder in die Stacheln statt in die Blumen, wir machen die ganze Zeit Fehler. Die hiesige Religion ist zwar der Meinung, dass Zorn aus Bosheit entsteht, aber Buddha sagt, dass die Ursache die Unwissenheit ist.

Die grundlegende Unwissenheit ist die Unfähigkeit des Geistes zu erkennen, dass derjenige der sieht, das was gesehen wird und das Sehen selbst – also Subjekt, Objekt und Tat -, eine Einheit sind und sich gegenseitig bedingen.  Der unerleuchtete Geist ist unfähig, diese Einheit zu erkennen – genau so wie das Auge nur nach außen sehen kann und nicht sich selber sieht. Wenn wir diese Einheit nicht erkennen, dann zerfällt alles, was im Raum des Geistes geschieht, in ein „Ich“ und ein „Du“. Im Spannungsfeld zwischen „Ich’’ und ,,Du“ entstehen dann Erwartungen und Widerwillen. Es entstehen mehr komplizierte Gefühle wie Stolz, Neid, Verwirrung usw., die man für wirklich hält, obwohl sie sich ständig ändern. Man tut, denkt und sagt verschiedene Sachen, diese bringen Resultate und legen Gewohnheiten. Und diese Gewohnheiten kommen dann auf einen selber wieder zurück. Und so wird die Unwissenheit auch Ursache für Zorn.

Wie geht man im Diamantweg mit Zorn um?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Viele Menschen haben Schwierigkeiten mit Zorn und auch mit anderen Störgefühlen. Es gibt drei Grundtypen von Menschen. Einige sind eher verwirrt, einige sind eher zornig und einige sind eher gierig. Mit allen drei Typen kann man auf drei Ebenen arbeiten.

Bei Zorn kann man auf der äußeren Ebene versuchen, aus dem Zorn Mitgefühl zu machen. Man kann den Menschen Gutes wünschen, vor allem wenn man erkennt, dass sie viele Dinge erleben, die ihnen nicht gefallen, die sie in Schwierigkeiten bringen. Auf der inneren Ebene arbeitet man auf der Meditationsebene. Man gibt dann viel Zeit in die aufbauende erste Phase der Meditation und die verschmelzende Phase, in der  Buddha zu Licht wird und mit einem selbst verschmilzt, hält man sehr kurz. Auf der dritten Ebene vom Diamantweg (Mahamudra bei uns oder Maha-Ati bei den Nyingmapas) gibt man keine Kraft mehr in das Gefühl. Man kann den Zorn wie einen Dieb in ein leeres Haus kommen lassen. Er kann rumlaufen, er kann in die Schubladen gucken, er kann unter den Teppich gucken, alles ist leer. Er bekommt keine Energie. Und wenn er dann verschwindet, kommt er so leicht nicht wieder. Da kann man auch an ein Lied von Lili Marleen denken: Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei.
Wenn du Ursache und Wirkung von Zorn anschaust, kannst du erkennen, dass weder Aushalten und Schweigen noch die Aggression ausleben dir helfen, besser mit ihm umgehen zu können. Sobald du nicht mehr zornig bist, sollst du handeln. Zorn ist verwirrt. Man macht viele Fehler, während man zornig ist. Du handelst dann wie unter Alkoholeinfluss, du hast rote Augen, du redest komisch, machst Dinge mit den Händen kaputt, du kannst nicht gut Auto fahren und du kannst dich verletzen. Adrenalinvergiftung ist genau dasselbe. Ohne Zorn kannst du in einer Situation viel besser handeln und triffst auch besser den Kern der Sache.
Du musst wissen, dass Zorn nicht unser Freund ist. Zorn gibt zwar Wärme, aber es ist so, als würden wir unser Geld verbrennen und nicht die Kohle oder das Öl. Innerhalb von sehr kurzer Zeit brennt der Zorn ganz viele gute Eindrücke, die im Geist angehäuft sind, weg. Er brennt die Freude aus Dir heraus, die sonst zu mehr Entwicklung hätte führen können. Hast du den Zorn einmal klar als Feind entlarvt, musst du ihn fangen und besiegen.
Zorn ist eine echte Schwäche. Er gibt ein vermeintliches Gefühl von Stärke, aber in Wirklichkeit schadet er. Wenn man sich dessen sicher ist, also wirklich gesehen hat: ,,Der Zorn ist nicht mein Freund, er hilft mir nicht, er schadet mir nur’’, dann kann man das Gefühl entfernen.
Für diese Arbeit gibt es einen Weg mit drei Ebenen:
1.    Gib dem Tiger weniger zu essen, damit er nicht zu laut ist. Er lebt nur von der Energie, die du reinsteckst. Paß auf die Situation auf, in der er dich immer ins Wasser schmeißt.
2.    Check genau, wie der Tiger funktioniert, wie er hin- und herläuft und die Zähne fletscht und mit den Augen rollt. Beobachte genau, wie er arbeitet – also check wie das Gefühl ist.
3.    Reite den Tiger. Wenn du ihn kennst, verwende seine Energie als Rohstoff-Energie für all die Arbeiten, die vor der Nase liegen.
1.    Ebene: Vermeiden!
    Solange du dich nicht besonders stark fühlst, wenn dir eine Situation zu nahe kommt und du keine Kontrolle hast, rate ich, die entsprechende Situation zu vermeiden. Es ist besser, als dass man sich seinen Freunden gegenüber lächerlich macht oder Freundschaften kaputt macht. Es ist nicht feige, Schwierigkeiten und Ärger aus dem Weg zu gehen, wenn man weiß, dass man hier normalerweise sehr zornig wird. Dann lieber spazieren gehen, an die frische Luft, das ist viel gesünder.
    Normalerweise kann man aber gar nicht besonders viel vermeiden, denn der Grund, dass man zornig wird, ist ja, dass man selbst Schwierigkeiten hat. Wenn man selbst keinen Zorn hat, dann kann der Zorn auch nicht ausgelöst werden. Aber wenn man die Schwingung dieses Gefühls in sich hat, kann es aktiviert werden.
    Um solchen Schwierigkeiten nicht immer ausweichen zu müssen, kann man lernen, Abstand zu gewinnen. So gewinnt man Kraft, fühlt sich stärker und besser und kann auf der 2. Ebene weiterarbeiten.
2.    Ebene: Mitgefühl entwickeln!
    Man kommt immer wieder in Situationen, in denen Zorn hochkommt. Dann kann man das Negative umdrehen und kann Zorn in Mitgefühl umformen.
    Um etwas inneren Abstand zu bekommen, kann man sich klar machen: „Früher war der Zorn nicht da, später wird er auch nicht da sein, und wenn ich jetzt darauf eingehe, gibt es nur Leid.“ Oder man baut sich einen Schutzwall auf, indem man die Situation wie im Traum erlebt. D.h. alles einfach nur beobachten wie einen Film. Beobachte die einzelnen Szenen, zerschneide sie mit Salamitechnik in die einzelnen Sequenzen. Mit dieser Technik wirst du fähig zu handeln, wo du sonst vielleicht starr wirst und unlogisch im Verhalten. Z.B. in einer Situation, in der plötzlich jemand mit einem Messer auf dich zukommt. Oder wenn jemand ständig schlecht über dich spricht, kannst du deine Reaktion in Mitgefühl umwandeln und denken: „Die Leute haben so viel Schwierigkeiten, die brauchen mich als Sündenbock, weil sie selber ein echtes Problem haben. Und sie müssen sich selbst 24 Stunden am Tag aushalten, während ich nur 10 Minuten mit ihnen zusammen sein muss.’’
3.    Ebene: Den Zorn umwandeln in spiegelgleiche Weisheit!
Du bist zornig. Aber du tust nichts. Du beobachtest, wie der Zorn im Raum des Geist entsteht. Wie er sich wieder auflöst. Wie du daran denkst zu handeln. Den anderen am liebsten ein paar Tassen Kaffee ins Gesicht schleudern würdest oder die Tür zuknallen. Aber du tust es nicht. Du sitzt nur da – wie ein Baumstamm (so sagen die Tibeter) – und du siehst,  wie sich das Gefühl wieder auflöst. Und du nimmst wahr, dass Gefühle kommen, sich ändern und wieder gehen. Du bist dir bewusst über das, was da ist, aber du schlägst keinen und schreist nicht und greifst nicht zur Pistole, sondern du sitzt nur da und beobachtest, wie es vorbeigeht. Die Störgefühle wecken dein Interesse immer seltener und eines Tages bleiben sie ganz weg.
Du erlebst den Zorn wie ein schlechtes Programm im Fernseher, du musst nicht hingucken, musst ihn nicht ernst nehmen. Dann geht der Zorn, wie die Wellen im Meer kommen und gehen und wenn die Welle, das Gefühl, später wieder in den Geist zurückkehrt, ändert es sich. Plötzlich hast du Erfahrungen von totaler Klarheit und innerer wirklicher Einsicht und völligem Verständnis. Solche Erfahrungen von überpersönlichen, ganz klaren, spiegelähnlichen Zuständen kommen dann immer stärker, bis du fähig bist, diesen Zustand der Weisheit zu halten. Das ist die Umformung von Zorn. Man nennt es „Spiegelähnliche Weisheit“, und die entsteht bei jedem, der es schafft, seine Gefühle sich wieder im Raum auflösen zu lassen.
Und dann ist es wie mit Dominosteinen. Die Dominos kippen sich nacheinander um, genau so kippt der Zorn den Stolz, schiebt die Anhaftung an, entfernt die Eifersucht und zuletzt löst er sogar die Dummheit auf und dann ist alles Weisheit.
4. Zusätzliche Möglichkeit: Die Energien nutzen lernen!
Wenn du das Störgefühl mit dem 100silbigen Reinigungsmantra oder mit Mitgefühl beruhigt hast, hast du wieder die Kontrolle. Du kannst nicht mehr explodieren. Wenn das Gefühl am Abklingen ist – es ist der Moment, nachdem die höchste Welle vorbei ist – aber die Energie selbst ist noch da, kann dich aber nicht mehr dazu verführen, dass du irgendetwas Negatives tust. Dann kannst du sie verwenden für Arbeiten, die sowieso getan werden müssen. Erkennst du Deinen Zorn, den Stolz, die Eifersucht usw., dann wasch das Auto, das Klo, putz das Haus, grab den Garten um, erledige die 30 Telefonate und 50 Briefe…
Es hat auch keinen Sinn, aus den Gefühlen Dramen zu entwickeln, sie auszuarbeiten und vielleicht auf ein Kissen einzuschlagen, oder in der Vorstellung jemand zu verprügeln oder so was.
Ich würde es nicht tun, weil der Geist ein dickes Gewohnheitstier ist. Er ist, was man hineingibt. Zeigt man sein Gefühl und seinen Zorn, entdeckt man bei nächster Gelegenheit, dass er mit noch größerer Kraft wiederkommt. Und nach einiger Zeit sind plötzlich alle Freunde weg, denn keiner mag zornige Leute. Zorn erzeugt schlechte Schwingungen. Dem Zorn keine Kraft geben, nicht daran denken, eher so peinlich ins Eck schieben, bis er von selber abstirbt. Und stattdessen etwas Nützliches tun!
Störgefühle sind wie Wolken, die an der Sonne vorbeiziehen, wie die Wellen im Wasser, die kommen und gehen, man muss sie nicht ernst nehmen, aber das Wasser darin kann sehr nützlich sein.
Tatsächlich ist unsere Sicht von Störgefühlen im Buddhismus sehr verschieden von den anderen Religionen. Im Diamantweg sehen wir alle Störgefühle als Rohstoff zur Erleuchtung.

Stimmt es, dass der Zorn das schlimmste aller Störgefühle ist?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
In erster Linie ist Zorn der größte Feind unserer Entwicklung. Wenn man zornig ist, macht man alles kaputt. Die Freude, die guten Gefühle, die man hat, alles macht man kaputt.

Eigentlich ist Zorn ein Eingeständnis von Schwäche. So sieht man es wenigstens in Skandinavien, meiner Heimat. Wenn man zornig wird, hat man schon versagt. Dann hat man die Situation nicht beherrscht.
Aber es bedeutet nicht, dass man nicht kraftvoll handeln soll! Kraftvolles Handeln ist wichtig. Aber man darf dabei nicht zornig sein. Man kann alles Mögliche tun, solange man das Bestmögliche tut und so wenig Leid wie möglich in die Welt bringt. Mit dieser Einstellung kann man auch als Buddhist Soldat werden. Ich selber würde auch durchgreifen, wenn jemand einer guten Sache im Weg steht, aber es wäre ohne Zorn. Es geht um das Gefühl, mit dem man eine Sache durchführt. Ein Arzt, der einen Patienten nicht operiert, weil es weh tut, ist kein guter Arzt.

Was ist der Unterschied zwischen Zorn und Enttäuschung?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Zorn ist der Wunsch, jemandem zu schaden. Enttäuschung bedeutet bedauern, dass tolle Möglichkeiten nicht genutzt werden können. Wenn eine tolle Chance vorbeiging oder wenn es anderen schlecht geht usw., dann entsteht ein tiefes Gefühl von Bedauern. Wenn verpasste Chancen andere betreffen, bleibt es eher geschmeidiger, wenn es um einen selber geht, muss man schon aufpassen, dass es nicht in Zorn ausartet.

Was soll ich tun mit meinem Zorn, wenn er schon da ist?

Antwort von Lama Ole Nydahl: Wenn es Zorn ist, der sich allmählich aufbaut und körperlich spürbar ist, dann grab den Garten um. Wenn es eher Jähzorn ist, dann denke: „Jetzt werde ich wie ein Baumstamm“, oder „Karmapa sitzt auf meinem Kopf, er fällt in mein Herz und strahlt“.

Wenn du soviel Weite im Geist bekommst, dass du die Sachen erkennst, bevor sie kommen, kannst du damit arbeiten. Dann bist du nicht die Zielscheibe, du kannst es überpersönlich sehen. Dann weißt du auch, dass die Wesen Glück haben und Leid vermeiden wollen, aber nicht wissen, was wirklich geschieht. Die Leute können nichts dafür. Es gibt keinen, der nicht Glück haben und Leid vermeiden will. Die Leute sind aber so verwirrt, dass sie fast immer in die Nesseln statt in die Blumen greifen. Sie glauben, dass sie sich Vorteile verschaffen können, wenn sie jemandem Schaden zufügen. Aber das ist unmöglich. Über kurz oder lang bekommt man die Schwierigkeiten immer zurück.
Alles ist Ursache und Wirkung. Und wenn da offenbar irgendeine Verbindung ist, in der die Leute schwierig sind, dann denke: „Ich muss ihnen früher irgendetwas getan haben“. „Jetzt lasse ich den Ball fallen, denn wenn ich ihn zurückwerfe, kommt er im nächsten Leben vielleicht wieder zurück. Ich schiebe den Ball weg, nehme ihn nicht auf . Und dann bin ich diesen Menschen nichts mehr schuldig, Bye, bye. Viel Glück.“  In der Art zu denken wäre klug.
Das Dümmste, was man machen kann ist, seine Trips ernst zu nehmen, zu glauben, sie wären wirklich und deshalb daran festzuhalten.

Was ist ein schnelles Gegenmittel, wenn einen plötzlich der Zorn packt?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Das beste Mittel gegen Zorn ist die Vorarbeit. Dass man mit dem Thema gearbeitet hat, bevor etwas passiert. –Es ist gut, wenn man den Fallschirm schon anhat, bevor man aus dem Fenster springt…

Wenn einen der Zorn plötzlich trifft, ist es am besten, sich den Lama oberhalb seines Kopfes vorzustellen, und wie ein Eimer Wasser, den man umkippt, fließt sein Segen durch einen durch und man wird der Lama. Das ist das schnellste Hilfsmittel.
In den unterschiedlichen Phasen der  Meditation lernen wir zu sehen, wie die Gefühle entstehen und versuchen, einen zu fangen, sich dann aber wieder auflösen. Wenn man das in der Meditation oft genug gesehen hat, und nicht darauf eingegangen ist, dann hat man auch einen Schutzabstand für das allgemeine Leben. Und das ist dann ein riesiger Vorteil.

Was ist der Unterschied zwischen Hass und Zorn?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Zorn ist etwas, das frisch aus der Maschine kommt. Hass ist es, wenn es schon länger in der Lagerhalle liegt.

Zorn ist, wenn du auf irgendetwas reagierst. Bei Hass ist schon die Erinnerung an unangenehme Erlebnisse da, die negativen Gefühle werden dann aktiviert. Hass hat tiefe Wurzeln und kann sich weit ausbreiten. Zorn ist eher eine kurzfristige Reaktion und man vergisst die Situation wieder.
Interessant ist auch das Gefälle in Europa: Je weiter du nach Süden gehst, je schneller kommt der Zorn hoch, aber die Südländer werden ihn auch schnell wieder los. In Nord-Europa kommt der Zorn langsamer, aber er bleibt länger. Die Gefühlsreaktionen sind also innerhalb von Europa ein bisschen unterschiedlich.

Obwohl ich mich bemühe, mit meinen Störgefühlen zu arbeiten, machen mich manche Leute immer noch aggressiv. Was soll ich tun?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Bemühe dich weiter, bis dich die Leute nicht mehr aggressiv machen. Wenn du daran denkst, dass alle Menschen, auch die, die dich aggressiv machen, Krankheit, Alter und Tod erwarten, dann wird dein Zorn zu Mitgefühl.

Schau dir den Gegner in folgender Weise an: Er wurde geboren, das tat weh, er hat geweint, war so klein, war ungeschützt. Während seines Lebens hatte er viele Wünsche, manches ging in Erfüllung, manches nicht. Gerade jetzt will er viele Sachen, die er nicht bekommt, er will viele Sachen vermeiden, was ihm nicht gelingt – vielleicht auch dich, was ihm nicht gelingt, denn du bist trotzdem da. Und auf alles, was er hat, muss er aufpassen. Wenn du das genau beobachtest hast, wirst du feststellen, dass er arm dran ist, dass er Schwierigkeiten hat. Du kannst Mitgefühl entwickeln und dann siehst du, dass der arme Tropf eher deine Hilfe braucht anstatt Streit mit dir. Dann kannst du zur Seite treten und ihn gegen die Wand laufen lassen. Oder du stoppst ihn so, dass es ihm unangenehm ist. Aber wenn du so reagierst, darf es niemals aus Zorn sein! Du musst dir bewusst sein, dass er es sich zur Gewohnheit machen kann, sich schlecht zu benehmen und dann wird es für ihn sehr schwer, sich wieder zu ändern. Deswegen stoppe ihn jetzt.
Du kannst hart arbeiten, tun was du willst, solange du dabei nicht zornig bist. Check dich selber! Du kannst mit den Leuten umgehen wie du willst, ihnen imponieren, Charmeur sein, usw., solange du dir wünschst, sie zu befreien. Mit Mitgefühl und dem Wunsch, anderen zu nutzen und zu helfen, kannst Du deinen Charme einsetzen. Und bist du ohne Zorn, kannst du anderen gegenüber hart sein, um ihnen zu helfen.
Erst hast du die bessere Sichtweise im Kopf, dann – wenn du immer deutlicher siehst, wie die Leute leben, was sie wünschen und wie viele Schwierigkeiten sie tatsächlich haben – wird der Widerwille immer weniger. Und die Wünsche, dass es ihnen gut geht, werden zunehmen.

Wenn man sich den Zorn völlig abgewöhnt, wird man dann nicht oft übergangen und einfach nicht ernst genommen?

Antwort von Lama Ole Nydahl:
Wenn wir aufhören mit dem ,,Entweder-Oder’’ und die ,,Ich-Du’’-Konfrontation stoppen, wenn wir aufhören zu hoffen und zu fürchten, bedeutet das nicht, dass wir plötzlich zu „freundlichem Gemüse“ werden, rumsitzen, uns den Bauchnabel anschauen und jede Stunde „OM“ sagen oder so was.

Wenn man die Störgefühle entfernt hat, wird man wirklich effektiv. Jenseits von dem, was man denkt, was man will, was man sich vorstellt, jenseits dieser Ebene liegt die ganze Freude, Kraft, Liebe, die ganze Energie unseres Geistes. Alles ist da und das kann sich erst dann voll ausdrücken.
Man lässt nicht alles mit sich machen oder wird passiv oder sitzt rum wie ein Asket, der alles erlaubt und nicht eingreift. Wenn die Störgefühle weg sind, greift man ein, man ist wie ein „verrückter Elefant“, wie Milarepa sagt. Man tut genau das, was ansteht, hat keine Erwartungen oder Befürchtungen. Man reagiert wie ein Schwert, schneidet durch, wo geschnitten werden muss.
Wenn du von ,,Entweder-Oder’’ umsteigst auf ein rundes ,,Sowohl-Als-Auch’’, dann kannst du mit den Energien arbeiten, sie dahin führen, wo du sie haben willst. Also anstatt den Tiger zu stoppen, bindest du ihm einen Pflug an den Schwanz, steuerst ihn und dann gräbt er ein ganzes Stück Land um, wo du säen wolltest.
Ich selber sage ja auch, was mir gefällt und nicht gefällt. Für mich sehe ich alles Unangenehme als Reinigung und alles Angenehme als Segen. Ich sehe, was die Wesen schädigt, was ihnen Probleme macht. Und mit dieser überpersönlichen Einstellung greife ich dann ein und lass die Sachen so geschehen, wie ich will. Das geht jedem von uns so, sobald die eigenen Erwartungen und Befürchtungen weggehen. Man hat plötzlich viel mehr Kraft als vorher, ist viel effektiver und man ist sicher in dem, was man tut. Wenn du sicher bist, dass du das Richtige tust, ohne Ego, bist du viel stärker und beharrlicher und kommst viel besser durch. Man darf dabei nur nicht zornig werden.
In vielen Kampfkünsten wird gesagt, dass man auf den Zorn eines geduldigen Mannes aufpassen muss. Denn der weiß, was er tut. Er hat sein Pulver nicht in 5 Minuten Drama verschossen, er arbeitet gezielt an dem, was er will. Sorg immer dafür, dass alles, was du tust, aus einem einfachen guten Gewissen entsteht. Andernfalls hast du das Gesicht verloren und sitzt da mit Rührei im Bart und keiner kann dich ernst nehmen.
Der Weg zur Veränderung könnte folgendermaßen aussehen:
Am Anfang z.B. geht man zu einer Wahl und denkt „Wo kriege ich das meiste Geld raus?“ oder „Wie vermeide ich mehr Geschwindigkeitsbeschränkungen?“
Auf der nächsten Ebene würde man denken „Was nützt allen, so dass sie mehr Freiheit behalten? Dass es ihnen gut geht?“
Auf der dritten Ebene weiß man, was man tut, dass es richtig ist und man tut einfach, was vor der Nase ist. Es gibt keinen Zweifel mehr, man ist überpersönlich, man tut, was am meisten nützt.

Ein „Schlaffi“ wird man niemals mit buddhistischer Einstellung. Allerdings haben wir es auch schon auch ein bisschen missverstanden. Buddhistische Länder sind meistens leicht zu überrollen und kaputt zu machen bei Angriffen, sie wehren sich zu wenig. Das sind die Länder, die meistens von Mönchen regiert wurden. Wo mehr praktische Leute, Laien, Yogis leben, da konnten sie sich besser wehren.
Wenn man denkt, alle haben die Buddhanatur, also sind sie toll und wir brauchen uns nicht zu schützen, dann wird der Nachbar, der vielleicht nur ein kleiner Gauner war, zu einem großen Gauner, weil ihm die Möglichkeit dazu gegeben wurde. Weil man ihn nicht in seine Grenzen verwiesen hat, so dass er sich gut hätte benehmen können.
Es gehört schon dazu, dass man Kraft hat und sich schützen kann!